Rückblicke


Romantik und Moderne musikalisch vereint

 

Herbstkonzert der Stadtkapelle Wangen im Festsaal der Waldorfschule

Mit ihrem Herbstkonzert ist der Stadtkapelle Wangen im Festsaal der Waldorfschule am Sonntagabend erneut ein emotional dichtes und musikalisch hochstehendes Konzert gelungen. Musikdirektor Tobias Zinser hatte bei seiner Stückauswahl wieder einmal eine sichere Hand bewiesen und vereinte Werke der Romantik und der Moderne zu einem intensiven Erlebnis.

Der „Marche au Supplice“, der Gang zum Schafott von Hector Berlioz (1803-1869), war von Irrsinn geprägt. Düster, aber auch einem geradezu triumphalen Marschthema gerecht werdend, entfaltete die Stadtkapelle ein breites dynamisches Panorama, eine emotionale Achterbahn im Angesicht des Todes. In den „Polowetzer Tänzen“ von Alexander Borodin (1833-1887) vereinten sich Russland und der Orient in einem lupenreinen, sehr flexiblen Klangbild.

Die sanften harmonischen Reibungen der Ballade „Perthshire Majesty“ von Samuel R. Hazo (geb. 1966) färbten dieses Klangbild dann herbstlich bunt und schwangen sich in mehreren Stufen zu wahrhaft majestätischer Fülle auf, die das Innere des Hörers völlig in Beschlag nahm. In „Battle of Hearts“ zeichnet Bert Appermont (geb. 1973) Charaktere und Handlung von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“ nach. Im ersten Satz stellt ein weich wogender Teppich spätromantischer Harmonien die zärtliche Liebe Kätchens dar. In den dynamischen und klanglichen Effekten eines ausgeklügelten Variationssatzes über eine Renaissance-Lied manifestiert sich anschließend die große Rivalin Kunigunde.

Dann bricht der große musikalische Feuersturm los, aus dessen Flammen die Liebe neu ersteht. Macht gegen Gefühl, Liebe gegen Gewalt, am Ende der Triumph des Guten: Das alles floss zusammen in ungemein plastisch und lebendig geschilderten Charakteren, deren Intensität unter die Haut ging.

Die „Symphonic Suite“ von Clifton Williams (1923-1976) ging ebenfalls unter die Haut: Ein wuchtige Intrada, ein von butterweichem tiefen Blech geprägter Choral, ein Marsch, präzise und prägnant, der träge antike Tanz und ein vor Kraft sprühender Schlusssatz: Das alles lief ab wie schweizer Uhrwerk und war doch voller Seele und Lebendigkeit.

Stephen L. Melillo (geb. 1967) schrieb „In einem anderen Licht“ zu Ehren des Verlegers und Arrangeurs Siegfried Rundel. Ein hochdramatischer Beginn schlug sofort in den warmen Gesang eines weit gefassten Chorals um, über den immer wieder das Chaos hereinbrach. Man erstarrte atemlos vor diesen gewalttätigen Umschwüngen auf engstem Raum und erst der strahlende Schluss löste dieses Erstarren auf.

In seinen „East Coast Pictures“ hat Nigel Hess (geb. 1953) viele Stimmungsschattierungen eingefangen und dann über seinen Musik wieder freigelassen. In Windeseile perlende Holzbläser charakterisierten „Shelter Island“. Wunderschöne Melodien und innere Wärme umfingen die Zuhörer in „The Catskills Mountains“ und „New York“ war quirlig und rastlos, gut gelaunt und optimistisch und quoll über vor ungestümer Lebensfreude – die Stadtkapelle machte auch hier wieder die Musik zum Vehikel für Gefühl und mitreißende Emotionen. Das roch nach Zugaben. Die Musiker spendierten dem begeisterten Publikum zwei Stück: den Marsch „Kinizsi“ von Julius Fucik und ein Adagio des russischen Dirigenten und Komponisten Waleri Chalilow, der 2016 bei einem Flugzeugabsturz um Leben kam – leise, ergreifende Töne als Abschied vom goldenen Oktober.

Johannes Rahn, Schwäbische Zeitung Wangen, 29. Oktober 2019

Beeindruckendes musikalisches Zusammenspiel

Oratorienchor, Klavier, Bläser- und Streichquartett überzeugen beim Motto-Konzert „Von Werden und Vergehen“

Unter dem Motto „Von Werden und Vergehen“ hatte der Oratorienchor am Sonntag in den Festsaal der Wangener Waldorfschule geladen. Die Auswahl der Werke durch Dirigent Friedrich-Wilhelm Möller war dicht und intensiv, vereinte Moderne und Romantik. Und im Zusammenspiel der musikalischen Elemente spürte man das Werden und Vergehen der Zeit nicht mehr.

Das Posaunenquartett „Ars Bucinarum“ aus Torsten Steppe, Jörg Scheide, Fabian Koch und Bernhard Klein begann mit der „Argen Fanfare“ Nr. 5 von Bernhard Klein, ein pointiertes kraftvolles Stück mit bewegten Motiven. Die „Liebeslieder-Walzer“ von Johannes Brahms (1833-1897) strotzten vor Sangesfreude und stürzten sich ins Wechselbad aufkeimender Gefühle. Musikalisch waren sie sehr konzentriert, zogen ihre Essenz aus den Texten von Georg Friedrich Daumer. Angeführt vom inspirierenden vierhändigen Klavierpart, gespielt von Margarete Busch und Nobert Schuh, bewegte sich der Chor leichtfüßig und in variabler Besetzung.

Die Harmonien von „Water Night“ von Eric Whitacre (geboren 1970) entwickelten sich von einem Ton aus nach oben und unten auseinanderstrebend, und trotz aller Reibungen leuchteten die Töne und verströmten tiefe Ruhe. „Days of beauty“ und „Tundra“ von Ola Gjeilo (geboren 1978) entwickelten sich zu eindrucksvollen Naturschilderungen mit Klängen irritierend wie Polarlichter und abgerundet durch ein Streichquartett aus Maria Grammer, Susanna Leonhardt, Nina Paulußen und Sofia Hauser.

„Sleep“ von Eric Whitacre schloss sich an, ein langsames Hineingleiten in den Schlaf, dumpf und träge, mit einem aufkeimenden Anflug von Angst und Unsicherheit. Dieser Abschnitt moderner Chormusik bestach durch seine harmonische, musikalische Sicherheit und Ausdrucksstärke. Rein instrumental folgten die bekannten Melodien von Bernsteins „Westside Story“. Ars Bucinarum erwies sich als klanglich flexibel und vielgestaltig genug, um den Schwung und die Lebendigkeit des Originals auch in einer vierstimmigen Bearbeitung zu bewahren.

Die „Neuen Liebeslieder“ von Brahms waren Schlaglichter, musikalische Mosaiksteine und Andeutungen, leidenschaftlicher als die Walzer und auch düsterer. Und wieder war es der Klavierpart, der die Stimmung trug und stützte, und der Chor folgte flexibel und präzise diesem Fundament. Die namensgebende Kantate „Von Werden und Vergehen“ von Bernhard Krol (1920-2013) lebte vom Wechselspiel aus Chor und Posaunen-Quartett. Die Assoziation der Posaunen mit Weltuntergang und Totengericht verlieh dem Stück einen feierlichen Ernst, ohne den Humor in den Texten von Theodor Fontane auszuklammern. Hajo Fickus trug die Gedichte gekonnt vor und brachte die Stimmung auf den Punkt. Die eigentümliche Wirkung des Wechselspiels aus tiefen Blechbläsern und gemischtem Chor trieb die musikalische Entwicklung voran. Der Chorpart war nicht melodisch, sondern rein vom Sprachrhythmus her gedacht, oft fast rezitativisch knapp, während die Posaunen Motive weiterspannen und so dem Werk eine ungemein eindrucksvolle Farbenpracht verliehen.

Verschiedene Stil und Musikrichtungen hatten sich zu einem befriedigenden Ganzen verbunden, sinnierend und sinnlich zugleich, musikalisch dicht gedrängt und präzise im Ausdruck und im fein austarierten Zusammenwirkung von Chor, Klavierpart, Bläser- und Streichquartett ästhetisch äußerst befriedigend.

Johannes Rahn, Schwäbische Zeitung Wangen, 23. Oktober 2019

Der Ball der tausend Lichter

Beim 17. Winternachtsball in der Wangener Waldorfschule war der Saal wieder gefüllt mit tanzfreudigen Besuchern. In glitzernden Roben und edlem Tuch bewegte Mann und Frau sich elegant über das Parkett. Melanie Haug moderierte einmal mehr durch den Abend. Für viele Männer sei der Tanz eine Daseinsform: Durch die Entfaltung der Geschmeidigkeit des Körpers könnten sie auf das Herz der Frauen kräftiger wirken als durch den Geist, zitierte sie einen französischen Philosophen. In ihren Worten bedeute das, dass es einfach eine wunderbare Bewegungsform sei, um sich näher zu sein. Ob Walzer, Rumba oder Jive – die Gruppe „Air Bubbles“ begleitete die Gäste musikalisch durch alle Sparten der Tanzkunst. Boogie-Woogie ist der Tanz aus den 50er-Jahren. Diese Kunst beherrschen die „Red Cadillacs“ (Bild) perfekt. Vier Paare der Gruppe bereicherten mit einer spritzigen Tanzeinlage den stimmungsvollen Abend. Die Allgäuer Landfrauen sorgten dafür, dass keiner hungrig oder durstig blieb.

Schwäbische Zeitung, Wangen, 28. Januar 2019

Mu­si­ker stim­men auf das neue Jahr ein – Stadtkapelle Wangen spielt Silvesterkonzert

Wangen – Das Silvesterkonzert im Festsaal der Waldorfschule hat eine lange Tradition. Daher ist es wichtig, immer wieder neue Akzente zu setzen. Der Stadtkapelle unter der Leitung von Tobias Zinser gelang das diesmal dadurch, dass ein ungewöhnliches Soloinstrument zum sinfonischen Blasorchester hinzutrat: Eine Violine, gespielt von Sandra Marttunen, der ersten Geigerin der Bamberger Sinfoniker, die in Kißlegg ihre Elternzeit verbringt. Die Moderation übernahm gekonnt und humorvoll Wolfgang Wanner.

Zunächst sorgte die Stadtkapelle mit der festlichen Ouvertüre von Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) für einen farbenprächtigen und lebendigen Einstieg in den Abend. Festliche Blechbläserfanfaren, wirbelnde Holzbläser, rasche Wechsel von Motiven und Stimmungen zeigten, dass das Stück von einem Feingeist ersonnen wurde, der mit dem aufgesetzten Pathos des stalinistischen Regimes nichts am Hut hatte.

Viel Fingerspitzengefühl, aber auch eindrucksvolle Töne

„Der Zauberlehrling“ von Paul Dukas (1865-1953) setzte Goethes Gedicht mit seinem unablässig vorandrängenden Hauptmotiv ungemein eindrucksvoll in Töne um. Das langsame Abgleiten ins Durcheinander und Chaos folgte einer feinen Dramaturgie, die die Stadtkapelle mit viel Fingerspitzengefühl und zugleich kompromisslos in ein gestochen scharfes Klangbild umsetzte.

In den „Zigeunerweisen“ von Pablo Sarasate (1858-1924) glänzte Sandra Marttunen mit ihrer Violine. Tiefer Gesang, dicht gewobene Töne, dunkel glühende Leidenschaft und dann technisch perfekte, grandiose Effekte, die einer ausgeklügelten Choreographie untergordnet blieben: es war Emotion pur, träumerisch, sehnsuchtsvoll, schwärmerisch und feurig.

Die sinfonischen Tänze aus der „West Side Story“ von Leonard Bernstein (1918-1990) waren ebenso emotional aufwühlend, aber durch ihre Direktheit. Kraftvoll, an der Oberfläche ungeschliffen, zuweilen musikalisch gewalttätig und brachial, brachten sie das Leben und die Erfahrungswelt der Straßengangs auf die musikalische Bühne.

Beiläufige Eleganz der Solistin begeistert

Nach der Pause versöhnt die Ouvertüre zum „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß (Sohn) (1825-1899) mit einem unbeschwerten, wienersich locker gespielten melodischen Festschmaus. Der „Czárdás“ von Vittorio Monti (1868-1922) ist ein geigerisches Paradestück – oft gespielt, oft totgespielt. Sandra Marttunen verlieh den langsamen Teilen einen bratschenhaften, erdigen Klang und legte in den schnellen Teilen eine bewundernswert beiläufige Eleganz an den Tag, die nur begeistern konnte.

Dass sich spielerischer und persönlicher Charme gegenseitig bedingen, zeigte Sandra Martunen im Gespräch mit Wolfgang Wanner und dass sie im Allgäu bleiben will, spricht für die Möglichkeiten, die unsere Region ausgezeichneten Musikern bietet.

 

Die Stadtkapelle stürzte sich dann in die „Yiddish Dances“ von Adam Gorb (geb. 1958) – anders kann man es nicht nennen. Die komplexe Durchdringung von Klezmermusik und sinfonsicher Blasmusik faszinierte durch ausgelassene Fröhlichkeit, orientalichen Einschlag, zündende Rhythmen und eine immer transparent bleibende Instrumentierung. „Riverdance“ von Bill Wehlan (geb.1950) beendete den offiziellen Teil mit irisch-keltischen Klängen. Auch hier ging es Schlag auf Schlag und die hypnotischen Tanzrhythmen gingen unter die Haut und in die Beine.

Als Zugabe gab es den „Trepak“ aus Tschaikowskys „Nussknacker-Suite“, tänzerisch, halsbrecherisch flott und überschäumend wie ein entkorkte Sektflasche, bevor der Radetzky-Marsch im Luftballonregen das Konzert zu einem bunten, knallenden Abschluss brachte.

Johannes Rahn, Schwäbische Zeitung, Wangen, 2. Januar 2019

Auch Trom­pe­ten kön­nen wie­hern – „German Brass“ auf Adventstournee in Wangen

Wangen – Adventszeit ist Blechbläserzeit und German Brass, die Bläserelite der deutschen Orchester, wird nicht müde, glänzende Barockschlager und internationale Weihnachtslieder brillant verpackt in schmissigen Arrangements darzubieten. Im Festsaal der Waldorfschule fanden die zehn Bläser und ihr Schlagwerker im Rahmen der Wangener Altstadtkonzerte ein begeistertes Publikum für ihr Programm „Christmas around The World“.

Seit 1985 gibt es das Ensemble, in dem Solisten der großen deutschen Orchester in der klassischen Besetzung von vier Trompeten, drei Posaunen, zwei Hörnern und einer Tuba musizieren und im zweiten Teil vom Schlagzeuger Herbert Wachter unterstützt werden. Die meisten haben zwei oder drei Instrumente verschiedener Tonart und Bauweise vor sich stehen, wechseln manchmal im Stück.

Zusammenspiel, Dynamik, Klangbalance passen zusammen, Perfektion und jahrelange Erfahrung übertragen sich auch auf die jüngeren Mitglieder wie den zweiten Hornisten François Bastian aus dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, der zumindest an diesem Abend an die Position des langjährigen Hornisten und Moderators Klaus Wallendorf getreten ist. Dieser bleibt mit seinen augenzwinkernden geschliffenen Texten präsent, in denen sich „wach“ auf „Bach“ reimt, russische oder spanische Sprachfloskeln zu Musik werden oder der vielleicht spezifische Humor der Blechbläser durchscheint.

Trompeter Werner Heckmann füllte an diesem Abend die kurzen Pausen, in denen die Kollegen ihre Lippenmuskulatur entspannen konnten, bevor sie sich wieder dem „gepflegten Tuten“ widmeten und sogar der eingeschaltete Werbeblock für den CD-Verkauf charmant übermittelt wurde.

Viele Stücke hat der erste Trompeter Matthias Höfs für German Brass arrangiert, selbst die Sologeige aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ vermisst man nicht, wenn er selbst das Instrument an die Lippen setzt und in weiten Melodiebögen über das Klang gewordene Eis der Begleitstimmen aus dem „Winter“ zieht. Weihnachtlichen Glanz verströmen die Musiker in den festlichen Koloraturen von Händels „Feuerwerksmusik“ und Bachs Weihnachtsoratorium.

Eine musikalische Weltreise

Ein Muss im Programm von German Brass ist die berühmte d-Moll-Toccata von Bach, wenn Tuba und Bassposaune die Liegetöne platzieren und die Oberstimmen sich in gestochen scharfen Läufen und Echowirkungen ergehen. Bei Tschaikowsky erlebt man, wie eine Trompete wiehern kann, ein spanischer Dreiertakt durchaus nach bayerischer Volksmusik klingt und arabische Flötenschnörkel sich auch mit gestopfter Trompete authentisch anhören.

Im zweiten Teil schließlich überraschen die Musiker immer wieder mit ihrer musikalischen Weltreise durch deutsche, südamerikanische oder französische Lieder, mit pulsierenden Rhythmen, Bigbandsound und schrägen Harmonien, in denen die Melodien mehr oder weniger versteckt durchklingen: Bei aller musikalischen Perfektion und virtuosem Anspruch kommt auch der Humor nicht zu kurz, nicht nur in der Zugabe.

Katharina von Glasenapp, Schwäbische Zeitung, Kultur,  4. Dezember 2018

Viel Ap­plaus für ein gro­ßes Spek­ta­kel – „Brassed Off“ in der Waldorfschule

Wangen – Mit der Tragikomödie „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“ ist die Kulturgemeinde Wangen am Freitagabend in die Theatersaison gestartet. Das Melchinger Theater Lindenhof kam mit großem, technisch aufwändigem Equipment, das in Gestalt einer Drehbühne im Festsaal der Freien Waldorfschule seinen Platz fand. Ein Mix aus live gespielter Blasmusik und darstellerisch hochemotionalen Szenen erwartete die Zuschauer. Beides zusammen verströmte passagenweise Musical-Atmosphäre.

In weißer, von Kohle verstaubter Bergmannskluft betritt das neunköpfige Ensemble zusammen mit den Lauchertmusikanten Melchingen den Bühnenraum. Aus dem Halbdunkel heraus leuchten ihre Helmlampen signalartig. An der Spitze der Grimley Colliery Band steht Danny (Bernhard Hurm). Dirigent und Bergarbeiter im Ruhestand, der seine Kumpels entgegen aller Wirrnisse antreibt – bis zum letzten, bis zum Beinah-Selbstmord seines Sohnes Phil (Gerd Plankenhorn). Denn für den alternden Danny, dessen Lungen die Kohle zerstört hat, zählt nur eins – die Musik.

„Kohlhaas“, „Emmas Glück“ oder „Der varreckte Hof“ sind nur einige Inszenierungen der vergangenen Jahre, die das Theater Lindenhof auf die Bühne gebracht hat. Sie alle fokussieren die existenzielle Bedrohung des Menschen mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Das gilt auch für das nach dem Film von Mark Herman in der Bühnenfassung von Paul Allen von Christoph Biermeier inszenierte „Brassed Off“ unter der musikalischen Leitung von Thomas Unruh.

Vordergründig geht es um die angespannte Lage in den britischen Bergbaustädten, die in der Mitte der 1990er-Jahre durch Stellenabbau bedroht sind. Genau in dieser Situation befinden sich die Kumpels von Grimley, deren Zeche vor der Schließung steht.

Das Theater Lindenhof gastierte mit „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“ im Festsaal der Freien Waldorfschule.  Foto: Babette Caesar

Träume von einem besseren Leben

Während Rita (Linda Schlepps) als die Tatkräftige bei jedem Streik mit dabei ist, debattieren Jim (Peter Höfermeyer) und Harry (Franz Xaver Ott) über die Abfindung von 20 000 Pfund – ja oder nein. Jims Frau Vera (Carola Schwelien) arbeitet im Supermarkt und hilft vor allem Phils verzweifelter Frau Sandra mit ihren beiden kleinen Kindern (Kathrin Kestler) mit Essbarem aus. So loten die ersten Szenen die verschiedenen Charaktere aus, deren Ambitionen und Träume von einem besseren Leben, die allesamt zerplatzen angesichts der übermächtigen wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten. Das Gefühl existentieller Bedrohung schaukelt sich langsam hoch. Manchmal glaubt man in überlangen Passagen den roten Faden zu verlieren, in welche Richtung sich das Stück bewegt. Vor allem der Anfang tut sich schwer, um in Schwung zu kommen. Doch sobald die erste schrill-krächzende Off-Durchsage den mit rund 100 Besuchern besetzten Saal erfüllt, beginnt das Melchinger Spiel, das Netz immer enger zu ziehen.

Mit allen Mitteln für die Gemeinschaft

So als dränge es nur tröpfchenweise ins Bewusstsein, treibt Danny die Kapelle wie ein Berserker an. Zu Märschen wie „Flow and Dance“ und „Flashlight Dixie“. Fluchend und wütend mit „Spielt für euch, verdammt noch mal!“. Das Blatt scheint sich tatsächlich zu wenden, wenn die junge Saxophonistin Gloria (Mona Weiblen) erscheint. Nur, dass sich der Hoffnungsschimmer schnell in sein Gegenteil verkehrt.

Im Verlauf kommt es zu herzerfrischenden Liebesszenen zwischen Gloria und dem aufrührerischen Trompeter Andy (Rahul Chakraborty), zwischen Vera und Jim, Rita und Harry. Nur Danny verliert sein Ziel, mit der Band in der Londoner Royal Albert Hall aufzutreten, nicht aus den Augen. Gegen alle Widerstände – auch den eigenen, die ihn zusammen brechen lassen. Unter Christoph Biermeiers Regie ist über zwei Stunden ein stark emotionales, stimmungsgeladenes Stück entstanden, das seine Darsteller bis an die Grenze des Existenzverlustes treibt. Das von der Aussichtslosigkeit des Einzelnen erzählt, wenn er aus dem System kippt, nicht mehr gebraucht wird – nicht mal als Clown.

Was einzig bleibt, ist der Zusammenhalt, mit dem sie oben auf der Drehbühne musikalisch brillieren. Zu viel Applaus und Bravorufen für dieses Spektakel.

Babette Caesar, Schwäbische Zeitung, Wangen, 12. November 2018

Mit Feu­er­ei­fer – Landesjugendorchester begeistert mit Ligeti und Mahler

Wangen – Mit knapp 100 Musikerinnen und Musikern ist das Landesjugendorchester Baden-Württemberg (LJO) auf seiner Herbsttournee, die es in den kommenden Tagen noch nach Tuttlingen, Göppingen, Waiblingen und Leonberg führen wird. Die Herbstferien haben die Jugendlichen genutzt, um mit ebenso leidenschaftlichen Dozenten ihrer Instrumentalgruppen und mit dem Dirigenten Johannes Klumpp die ausgesprochen anspruchsvollen Werke einzustudieren. Auf dem Programm stehen zwei Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts, „Atmosphères“ von György Ligeti und die fünfte Symphonie von Gustav Mahler, und man kann nur staunen, mit welcher Intensität sie diese umsetzen.

So wie Johannes Klumpp das Publikum mit wenigen Worten auf Ligeti einstimmt – „erwarten Sie nicht Melodien und Harmonien, sondern changierende Klänge, eine Weite mit einem Hauch Bedrohung“ – kann man sich vorstellen, wie er seinen jungen Menschen diese Klänge nahebringt. Stanley Kubrick hatte Ligetis „Atmosphères“ in seinem Film „2001: Odyssee im Weltraum“ eingesetzt – übrigens ohne den Komponisten zu fragen oder ihn im Abspann zu erwähnen! Mit seiner klaren Körpersprache lässt der Dirigent die Klänge aus der Stille emporsteigen und hält auch am Schluss die Spannung, dazwischen entfalten sich Klangflächen über der Basis der Kontrabässe, schrauben sich hoch in hohe Bläserregister und verlöschen schließlich im weiten Raum.

Hauptwerk dieser Herbstphase des LJO ist die fünfte Symphonie von Gustav Mahler. Auch hier öffnet Johannes Klumpp mit wenigen eindringlichen Sätzen die Ohren für den Komponisten, seine schwierige Kindheit im mährischen Heimatdorf, die Trauermärsche und Stimmungswechsel. Durch das berühmte Adagietto, den langsamen Satz, den Lucchino Visconti in seiner Verfilmung von „Tod in Venedig“ so sehnsuchtsvoll übermittelt hat, ist die Symphonie vielleicht eines der bekanntesten Werke Mahlers.

Beflügelnder Dirigent

Doch welche Abgründe sich darin immer wieder auftun, wie nah Totentanz und Ländler, böhmische Blasmusik und Herzklopfenwalzer einander sind, erlebt man bei diesen jungen Musikern und ihrem beflügelnden Dirigenten hautnah. Da gibt es süße Melodien, grundiert vom unerbittlich pochenden Trauermarsch, da stürzen sich die Bläser und Schlagwerker in wildes Getümmel, während die Streicher seufzen und verführen. Klumpp arbeitet die klingenden Wechselbäder großartig heraus, führt die zahlreichen Solostimmen (Hut ab vor den nervenstarken Burschen am 1. Horn und an der 1. Trompete!) und den großen Orchesterapparat mit Fantasie und Feuer. Das Adagietto gestaltet er in einem fließend emphatischen Aufschwung schwebender Streicherklänge, bevor sich das ganze Orchester im fröhlichen Treiben des Finales zusammenfindet.

Die jungen Musiker zwischen 12 und 20 Jahren werfen sich mit Feuereifer in ihre anspruchsvollen Aufgaben, im hohen Tempo bleiben sogar die kontrapunktisch geführten Themen transparent. Die Blechbläser vereinen sich zum alles überhöhenden Choral, leichtfüßig wie ein Tänzer kitzelt Johannes Klumpp die letzten Reserven heraus. Die Begeisterung wird in den kommenden Tagen ebenso überspringen wie in der Wangener Waldorfschule.

Katharina von Glasenapp, Lindauer Zeitung, Kultur, 6. November 2018

Peerspektiven

Zum Oberstufenprojekt 2017, „Peer Gynt“ (von Jens Christian Deeg)

Die Bühne ist ein dunkler Ort, an dem drei Jugendliche eine Glasscherbe finden können, und an dem ein bisschen Licht reicht, um in ihr einen Diamanten zu erkennen. So erleben es die drei Peer Gynts (Susan Brauchle, Benedikt Brögmann und Josef Obermeier), die in der Inszenierung von Andreas Bußmann und den SchülerInnen der Oberstufe aus dem Ibsen-Klassiker ein modernes Welttheater machen. Eineinhalb Stunden lang tragen sie die Zuschauer, gemeinsam mit Chor und Orchester, durch einen Gedankenstrom aus Orten, Gefühlen, Szenen, die erst am Ende soetwas wie ein Leben ergeben. Ihre Inszenierung erzählt von der Suche nach Identität. Sie dreht und wendet die Frage: Kann man ein Ganzes sein, ein ganzes Leben lang?

PeerGynt_04Ein Leben, das eine ganze Welt ist

Dass Peer hier vom ersten Moment an nicht einer ist, sondern drei auf einmal, das zeigt, wie unmöglich diese Idee ist – zumindest in der unübersichtlichen, prallen Welt ist, von der das Stück erzählt. Man trifft in ihr die Beatniks der 50er-Jahre neben einer Horde von trolligen Fabelwesen, die Sklaven der frühen USA kontrastieren die Schürzen-Folklore deutscher Heimatfilme und ein Talkshow-Moderator stürzt einen der Peers schließlich genauso aus dessen Selbstherrlichkeit wie ein Teufel im Missionarskostüm. Hervorzuheben ist hier nicht zuletzt die aufwändige Ausstattung der Figuren (Kostüme und Maske: Julia Egger, Lara und Lioba Buchholz, Helena Amberger, Amelie Preuß, Elea Egger, Charlotte und Pauline Tscholl).
Während diesem wilden Ritt durch die Geschichte des Westens machen die drei Peers am eigenen Leibe durch, was unsere Geschichtsbücher im Innersten zusammenhält: Kolonialisierung, Menschenversuche, Gender-Trouble, schizoide Episoden – die Welt kann ein ziemliches Jammertal sein. Erlebbar wird dies für die Zuschauer auch durch die Klarheit des Bühnenbildes (Requisite: Gert Heintz, Beate Diefenbach, Wolfgang Klosa, Familie Felsch; Licht: Pit Hartmann), vor dem das Ensemble glänzen kann. Mal reicht da nur ein Fingerzeig, mal ein Wechsel im Tonfall, um die Komik und die Tragik der Welt zu erzählen. In diesen feinen Pointen wird auch der große Einsatz der SchülerInnen deutlich, die am Stück mitschrieben und sich ihre Rollen oft in freien Improvisationen selbst erarbeitet haben.

PeerGynt_01Für immer jung

Peer Gynt verkörpert in ihrer Inszenierung also nicht nur seine Geschichte. Sein Leben erzählt auch von den vielen anderen, die immer wieder neugierig in die Welt geboren werden und dort ihren Weg, ihr Glück suchen. Indem er sich weigert, nur einer zu sein, eindeutig zu sein, wehrt er alle Autoritäten ab, die ihm ein Ziel vorgeben wollen. Der Preis, den er für diese Freiheit bezahlen muss, ist jedoch hoch: Peer Gynt bleibt sich und allen anderen ein Rätsel. Ein Leben lang. Keine Beziehung kann er halten, keine Aufgabe erfüllt ihn, keine Idee bindet ihn.
Peer wird damit zum ewig Pubertierenden, zum sehnsüchtigen Grenzgänger mit dem tiefen Wunsch, endlich mal wer zu sein. Welche Rolle sich ihm auf seinem Weg anbietet, er probiert sie an – und ist daher auch im einen Moment Sklavenhändler, im nächsten Sklave. Spürbar wird diese Haltlosigkeit etwa in der furiosen Performance von Benedikt Brögmann, dessen Peer im Mittelteil des Stückes zunächst die Sicherheit eines Alleinunterhalters ausstrahlt – nur um ein paar Überheblichkeiten später scheinbar jede Kontrolle über Kopf, Körper und Stimme zu verlieren. Dann steht er alleine da. Dann rappelt er sich wieder auf. Auf zur nächsten Hoffnung, auf zur nächsten Enttäuschung.

PeerGynt_02Ich sehe was, was Du nicht siehst

Sein Suchen wird ihm schließlich zur Sucht. Und wer ihm das Beste wünscht, der muss auch das Unheil hinnehmen, in das er seine Mitmenschen reißt. Ob im sehnenden Sologesang von Lorna Monaghan, ob in der kraftloser werdenden Körperhaltung Lilly Martins, ob im haltlosen Hetzen, das Adrian Seehofer durch die Welt treibt – scheinbar überall auf der Bühne sieht man, was Peer nicht sehen kann: die Folgen seiner Handlungen. Das ist aber auch unsere Tragik, die Tragik des Publikums. Wir erkennen das Problem nur, weil wir nicht drinstecken.

Etwas Halt und Hoffnung gibt uns dabei die Musik. Sie verbindet die Fragmente der Szenen zu einem Ganzen, gibt dem Erzählstrom eine Richtung. Jörg Them und Günter Hauptkorn haben dafür einige Songs des jungen Bob Dylan für Chor und Orchester umgearbeitet. Die klingen nun ungewohnt harmonisch, sanft, freundlich. Und hört man eine Zeile wie „Your sons and daughters are beyond your command“ in dieser Interpretation, dann spricht mit Dylan auch der Übervater einer früheren Jugend zu uns: Wir haben uns damals nicht kontrollieren lassen – warum sollte das heute anders sein? Oder irgendwann?

PeerGynt_05Wie Andreas Bußmann zusammen mit einem befreit aufspielenden Ensemble aus all diesen Assoziationen einen aberwitzig großen Gedanken formt, das ist gleichsam verwirrend und inspirierend. Gemeinsam haben sie ein Stück geschaffen, das seine Zuschauer 90 Minuten lang den Wunsch spüren lässt, endlich eine Lösung, endlich ein Happy End zu bekommen – obwohl man in jeder Minute bemerken kann, dass es darum nicht gehen soll. Nicht heute abend. Denn das Leben dieser Peer Gynts ist wie eine Neugierde: Es müsste enden, wenn es sich erfüllte.

Ihre Bühne ist ein dunkler Ort, an dem drei Jugendliche eine Glasscherbe finden können, und an dem ein bisschen Licht reicht, um in ihr einen Diamanten zu erkennen. Ein Spielverderber, wer ihnen das ausreden will.


„Unser Galakonzert ist mit großem Erfolg über die Bühne gegangen – herzlichen Glückwunsch allen Beteiligten und ein großes Dankeschön an Sie alle! Egal an welcher Position, in welcher Funktion: ein solch umfangreiches Projekt kann nur gelingen, wenn alle und alles vor und hinter der Bühne reibungslos ineinander greift“. (Dr. Hans Wagner, Jugendmusikschule Württembergisches Allgäu)