Rückblicke


Augsburger Philharmoniker mit Christian Segmehl in der Waldorfschule

Beim 6. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker machte der Saxofonist Christian Segmehl das als deutsche Erstaufführung zu Gehör gebrachte „Concerto pur saxophone et orchestre“ von Guillaume Connesson zum Erlebnis. Ivan Demidov dirigierte.

Christian Segmehl ist gleichzeitig Gründer und Leiter der Allgäukonzerte und mit dem Kulturamt der Stadt Wangen eng verbunden. So kam dieses Konzert, das ohne Übertreibung als etwas ganz Besonderes bezeichnet werden darf, zustande. Im Vorfeld verwies der in Leutkirch ansässige Saxofonist, der weit über das Allgäu hinaus gefragt ist, auf die Magie der Musik und sagte: „Musik bewegt die Menschen, Musik heilt, ist Friede, Schönheit und Liebe.“

Dass Musik ebenso unterschiedliche Facetten in sich vereint, ohne in einen gegenseitigen Wettkampf einzusteigen, das wurde am Freitagabend im Saal der Waldorfschule deutlich. Vertreter des Jazz kamen hier ebenso zu ihrem Recht wie die Freunde des „King of Klassik“, Ludwig van Beethoven. Wenngleich in der dazwischenliegenden Pause häufig zu hören war, dass man sich bei aller Anerkennung für die großartige Leistung der Instrumentalisten im ersten Teil nun doch auf Beethovens Fünfte freuen würde.

Zurück zum Anfang. George Gershwin nannte seine Tondichtung „An American in Paris“ nicht von ungefähr ein „rhapsodisches Ballett“. Wer von den Zuhörern das gleichnamige Filmmusical des Regisseurs Vincente Minnelli aus dem Jahr 1951 gesehen hat, wird sich wieder erinnern: Jerry Mulligan, ein amerikanischer Kriegsveteran hat sich in Paris verliebt und versucht dort, als Maler Karriere zu machen.

Die Musik nimmt die Stimmung der Stadt im Ambiente der späten 1920er-Jahre auf. Da platzen laut und frech Autohupen ins Orchestergeschehen, Ragtime-, Blues- und Charleston-Elemente wechseln sich gegenseitig ab. Ja, und dann erscheinen vor dem geistigen Auge Gene Kelly als Jerry und Leslie Caron als Lise, die so wundervoll tanzen, dass man sich von diesem Bild kaum lösen kann. Mehr noch: man tut es ihnen gleich.

Komponist Guillaume Connesson schrieb vor sieben Jahren sein Stück „A Kind of Trane“. Christian Segmehl, der nach seinem Musikstudium in München und Amsterdam unter anderem den „Echo-Klassik“ erhielt, machte das „Konzert für Saxofon und Orchester“ zu einem wahren Erlebnis. Sein Spiel war in jeder Hinsicht ein Ohrenschmaus: In allen Lagen technisch souverän, hinsichtlich Tempo, Phrasierung und Klangbalance begeisternd. Was vor allem auch durch den Wechsel von Tenor- zu Altsaxofon zutage trat.

Nach dieser gelungenen Homage an die Jazzlegende John Coltrane wurde im zweiten Teil Ludwig van Beethoven und wohl einem seiner berühmtesten Werke gehuldigt. „Ta-ta-ta-taaa“ – wer kennt sie nicht, die markanten Anfangstöne aus der 5. Sinfonie des Meisters? Wenn man seinem Sekretär Glauben schenken durfte, dann war es das Schicksal, das mit diesen mahnenden Tönen „an die Pforte klopft“. War es vielleicht sogar politisch gemeint? Und damit ein kämpferisches Statement gegen Napoleons Machthungrigkeit und für die eigentlichen Werte der französischen Revolution?

Wie auch immer. Die „Schicksalssinfonie“, wie die Fünfte genannt wird, beinhaltet mit den drei aufeinanderfolgenden Achtelnoten und der anschließenden halben Note – um eine große Terz tiefer – das wohl einprägsamste Motiv der klassischen Musik. Fast qualvoll und unerbittlich zieht sich dieses „Klopfen“ in verschiedenen Ausprägungen durch die Symphonie.

Das Orchester mit seinem Dirigenten Ivan Demidov, der stets im Kontakt mit seinen Musikern war, wusste das Ringen um die Existenz, das Ankämpfen gegen jede Form von Unterdrückung musikalisch hervorragend umzusetzen. Nachdem sich das versöhnliche Ende mehrmals angekündigt hatte, zogen immer wieder dunkle Wolken auf. Doch dann brach sich der Jubel seine Bahn und das Schicksal endete in einem Triumphzug. Verglichen mit dem Applaus der Gäste im Saal, der nicht enden wollte.

Vera Stiller, Schwäbische Zeitung Wangen, 17. Mai 2022


So schön klingen Harfe und Streicher – Städteorchester erfreut mit selten gehörten Werken – Stargast Sabrina von Lüdinghausen

Lange ist der letzte Auftritt des Städteorchesters Württembergisches Allgäu her: 29. Dezember 2019. Corona hat Kultur und Musik verhindert, mit Nachwirkungen bis heute. Leiter und Dirigent Marcus Hartmann hat bei seiner Planung auf Bläser verzichten müssen, so performt ein 27-köpfiges, reines Streichorchester. Das hat auch seinen Reiz, zumal selten aufgeführte Werke im Programm sind.

Nette Eröffnung ist die „Mannheimer Sinfonie in G“ von Johann Stamitz (1717 bis 1757). Gefällig, dabei nicht ohne Liebreiz, besonders das Larghetto. Mehr Tiefgang bietet die „Capriol Suite“ des Briten Peter Warlock (1894 bis 1930). Warlock, eigentlich Philip Arnold Heseltine, hat sechs Renaissance-Tänze aus Frankreich packend für Streichorchester instrumentiert. Pavane, Pieds-En-l Áir und andere. Volltönend, das Städteorchester mit Schmelz, Chapeau. Auch wenn nicht alle Pizzicati – also die gezupften Töne – hundertprozentig sauber sitzen. Das durchaus überschaubare Publikum ist angetan, applaudiert kräftig.

Stargast an diesem Abend ist die Harfenistin Sabrina von Lüdinghausen. Als Solistin konzertierte sie mit namhaften Orchestern, spielte außerhalb der klassischen Musik auch für Sting. Auf dem Programm in Leutkirch steht „Danse Sacree et Danse profane für Harfe und Streichorchester“ von Claude Debussy. Einst eine Auftragsarbeit für die Klavier- und Harfenbaufirma Pleyel in Paris. Um die Spielmöglichkeiten auf der „modernen chromatischen Harfe“ zu demonstrieren. Das tut die Rheinländerin mit Bravour. Und barfuß. Zarte Klänge, hingetupfte Farben, kleine Attacken. Das Orchester sensibel, dann leicht wogend, festlich, mit gebotener Zurückhaltung. Schön. Die Harfenistin bedankt sich für den reichen Beifall mit einem virtuosem Solostück.

Der früh verstorbene Russe Vasily Kalinninkov (1866 bis 1901) war seinerzeit vom Publikum geschätzt, wurde dann vergessen und erst Mitte des 20. Jahrhundert wiederentdeckt. Völlig zu Recht – das Andantino aus der „Serenade für Streichorchester“ ist apart, schwelgerisch-schwärmend klingt in hohen Tönen aus. Wunderschön.

William Herrschel (1739 bis 1822) war Komponist, Mathematiker, vor allem aber hoch geehrter Astronom. Seine „Sinfonie Nr. 8“ ist dynamisch, munter, das Andante wirkt allerdings arg konstruiert. Umso prächtiger das Presto, die Streicherinnen und Streicher richtig spielfreudig.

Viel Beifall, Dirigent Marcus Hartmann strahlt, junge Frauen überreichen Blumen. Als Zugabe ein Walzer, „Hoffnungsstrahlen“. Komponiert hat ihn Joseph Lanner, Freund und Konkurrent von Johann Strauß Vater. Ein reizvolles Werk, etwas brav intoniert, die Musikerinnen und Musiker hätten durchaus ein Glaserl Heurigen vor dem Spiel vertragen. Nochmals viel Applaus, darum als zweites encore „El Choco“. Ein beschwingter Ausklang.

Bernd Guido Weber, Schwäbische Zeitung Wangen, 4. Mai 2022


Stadtkapelle setzt musikalisches Zeichen der Verbundenheit -Frühjahrskonzert steht im Zeichen der Hilfe für Kinder in der Ukraine – Warum manche Stücke auch an den dortigen Krieg denken lassen

Ein schönes Zeichen der Verbundenheit“ nannte OB Michael Lang das Frühlingskonzert der Stadtkapelle, mit den Menschen in und aus der Ukraine. Der Erlös aus den Einnahmen und aus dem Spendenaufruf gehen an den Verein „Hope“, der dort schwerst kranke Kinder unterstützt.

Es wird wohl niemanden geben, der den Festsaal der Waldorfschule Wangen am Samstag nicht ebenso beglückt wie tief bewegt verlassen hat. Nach zwei Jahren Zwangspause beschenkte die Stadtkapelle unter der Leitung von Tobias Zinser die Besucher mit einem Konzert, das besser nicht hätte zusammengestellt werden können. Wenngleich sich der Frühling für ein paar Tage zurückgezogen hatte, so war er an diesem Abend doch deutlich zu spüren. Endlich wieder ein schönes Konzert erleben, das wollten alle, die sich frühzeitig auf den Weg zum Veranstaltungsort gemacht hatten. Und sie taten gut daran. Kurz vor 20 Uhr war, obwohl durch weitere ergänzt, kein freier Stuhl mehr zu sehen.

Den Auftakt der Darbietungen bildete „The Hounds of Spring“ von Alfred Reed. Die dreiteilige Ouvertüre malte ein zauberhaftes Bild einer jungen Liebe im Frühling. Inspiriert wurde der Komponist durch ein Gedicht von Algernon Charles Swinburne, das von der „mother of month“ erzählt, in dem sich „die lachenden Blätter der Bäume teilen“. Bleibt zu erwähnen, dass die Holzbläser und Saxofone den warmen Grundklang des Mittelteils gekonnt zur Geltung brachten.

In seiner Suite verwendet Jan Bach mehrere Stücke des deutschen Komponisten Michael Praetorius. Für die Sammlung mit Tanzmusik, die nach der antiken Muse des Tanzes „Terpsichore“ benannt ist, agierte Praetorius weniger als Komponist denn als Herausgeber. Tobias Zinser und seine Instrumentalisten vermittelten den Zuhörern die französische Tanzkultur an den Höfen Mitteleuropas und ließen die Courante oder die Gavotte vor dem geistigen Auge auferstehen. Dann die „Finlandia op. 26/7“. Wenn diese sinfonische Tondichtung von Jean Sibelius von der Stadtkapelle auch schon vor Kriegsbeginn in der Ukraine ausgesucht worden war, so passte sie doch wie kein vergleichbares Musikstück zu der augenblicklichen Situation. „Kampflied und Siegeshymne“ nannte Sibelius sein Werk, das im Zuge der finnischen Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber Russland seinen Ursprung hat. Seit 1809 gehörte Finnland dem Russischen Reich an, zuvor aber hatte es jahrhundertelang zu Schweden gehört. Die Bürgerrechte der Finnen, nicht zuletzt die Pressefreiheit, waren zu dieser Zeit von der russischen Obrigkeit stark eingeschränkt worden. Wenn man um diesen Teil der finnischen Geschichte weiß, hört man, wie am Samstag geschehen, den dynamischen Schwung und den sinnfälligen Aufbau der Tondichtung mit einem eigenen Bewusstsein. Nachdem das „kleine, aber feine Meisterwerk“ von Václav Nelhybel, die „Corsican Litany“, verklungen war, ging es in die Pause.

Den zweiten Konzertteil eröffnete die Stadtkapelle mit dem eindrucksvollen „Summon the Heroes“. Wobei die Trompeten mit strahlenden Fanfaren glänzen konnten. Nicht zuletzt sind die Kompositionen von John Williams, der 1996 in Atlanta mit diesem Stück den 100. Olympischen Spielen der Neuzeit ein musikalisches Denkmal setzte, immer wieder „unter die Haut gehend“. Mit „Vasa“ beschreibt der 1964 geborene Spanier José Suner Oriola die Eindrücke eines Besuchs des bekannten Vasa-Museums in Stockholm. Einmal war es die mit Musik umgesetzte „bedrohliche Schieflage“ des legendären Kriegsschiffes der königlichen Flotte Gustav Adolfs II., zum anderen die ruhigen, die gefühlvollen Passagen der Komposition, die beeindruckten.

„Suite From Hymn of the Highlands“ von Philip Sparke zeichnet drei starke musikalische Bilder der schottischen Landschaft. Im ersten Satz „Ardross Castle“ entstand mit wuchtigen Pinselstrichen die Ansicht einer Burg, „Alladale“ kreierte ein Dorfidyll, kriegerische Trommeln und martialische Trompeten und Posaunen riefen im dritten Satz „Dundonnell“ zur Schlacht. Nach dem Sieg keimte hemmungslose Freude auf. Tobias Zinser kostete die wilde Dramatik der Szene sichtlich aus.

Der Dirigent war es auch, der nach „The Crazy Charleston Era“ und der ersten Zugabe, dem bulgarischen Marsch „Das Abzeichen“ von Stefan Marinoff, dem Publikum noch etwas Nachdenkliches mit auf den Weg nach Hause geben wollte: „Threnody“ von James Barnes. Das Klagelied ließ den Atem stocken und die Gedanken zu den Menschen in der Ukraine wandern.

Vera Stiller, Schwäbische Zeitung Wangen, 11. April 2022


Konzert steht für verbindende Kraft der Musik – Gitarrist der Jugendmusikschule Württembergisches Allgäu organisiert Benefizkonzert

Auf die Initiative des aus der Ost-Ukraine stammenden Gitarristen Dmytro Omelchak wurde am Sonntagabend im Saal der Waldorfschule in Wangen ein kurzfristig auf die Beine gestelltes Benefizkonzert gegeben. Das ergreifende Konzert stand für die völkerverbindende und versöhnende Kraft der Musik.

Zu hören waren neben Omelchak der ebenfalls aus der Ukraine stammende Vitalii Nekhoroshev an der Klarinette sowie der Kammerchor „La Fenice“ der Jugendmusikschule unter der Leitung von Christian Feichtmair mit Margarete Busch am Klavier. Eine ukrainische Sängerin und Gesangskollegin von Dmytro Omelchak, der erst unmittelbar vor dem Konzerttermin die Flucht aus der Ukraine gelungen war, eröffnete den Abend ganz spontan mit einem anrührenden ukrainischen Volkslied, dargeboten in wunderschön bestickter Landestracht.

Ein bunter Reigen an solistischen Werken und Duetten unterschiedlicher Genres und Stilrichtungen wurden von den beiden Musikern gleichermaßen virtuos wie spielfreudig dargeboten – unter anderem Variationen des bekannten ukrainischen Volksliedes „Es ritt ein Kosak über die Donau“ sowie den „Spanish sketches“ von Ivan Olenchik. Zu hören war ebenfalls der Inbegriff des Tangos „Libertango von Astor Piazzolla und weitere Stücke von Piazzolla, Bartok, Boccherine und Machado.

Den stimmungsvollen Abschluss des Konzertes gestaltete der Kammerchor der JMS mit dem russischen Lied von Segei Pleschak „Uleteli schurawli“.

Sehr herzlich bedankten sich die Künstler für den begeisterten Applaus der Zuhörer und deren Spendenbereitschaft für die ukrainische Stiftung „Tabletochki“, die krebskranke Kinder in der Ukraine unterstützt. Die beachtliche Spendensumme von 2101 Euro wird der Stiftung komplett für diesen Zweck zur Verfügung gestellt.

Schwäbische Zeitung Wangen, 30. März 2022


Fantasiereisen mit Geräuschen, Klängen und Rhythmen

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Altstadtkonzert mit Johannes Fischer in der Waldorfschule schickt Publikum auf eine Klangreise
Kaum zu glauben, dass der Gewinn des ARD-Wettbewerbs des 1981 in Leonberg geborenen Musikers und Klangzauberers Johannes Fischer bald 15 Jahre zurückliegt! In Freiburg hat er Schlagzeug studiert und spannende musikalische Exkursionen mitgemacht, seit vielen Jahren unterrichtet er bereits selbst an der Musikhochschule in Lübeck und lebt in einem kleinen Dorf an der Ostsee. Jetzt war er im Rahmen der Wangener Altstadtkonzerte auf der großen Bühne der Waldorfschule zu Gast, begeisterte am Nachmittag über 100 gespannt lauschende Kinder und ihre Begleitpersonen mit Auszügen aus seinem Programm. Abends hätte der Saal durchaus noch ein paar mehr Menschen vertragen, die Anwesenden aber erfuhren, wie facettenreich Fischers Klangpalette ist, wie sich kindliche Neugier und Experimentierfreude bewahren lassen und wie abenteuerlich das Leben eines Schlagzeugers und seiner Instrumente sein kann.

Dass Schlagzeuger (und natürlich Schlagzeugerinnen) sich zu Beginn gerne auf den Töpfen und Backblechen der elterlichen Küche austoben, ist bekannt. Bei Johannes Fischer kamen außerdem Waschmittelkartons dazu und auch bei seinem Konzert in Wangen führte er unter anderem zwei metallene Schneebesen mit sich. Auch Baumärkte sind eine Quelle der Inspiration, vor allem, wenn unterwegs mal etwas kaputt geht. Als Johannes Fischer bei seiner Performance im Rahmen des Kinderkonzerts mit dem Fuß zwei Blumentöpfe touchierte, suchte er in der Waldorfschule („wo, wenn nicht dort kann ich fündig werden?“) nach Ersatz von klanglich passenden Keramikübertöpfen. So entstand eine „Wangener Fassung“ von „To the earth“, in dem der polnisch-amerikanische Komponist Frederic Rzewski den Interpreten Homers Lobgesang auf die Götter und die Schöpfung rezitieren lässt und dieser dazu vier Blumentöpfe mit dünnen Bambusstäben anschlägt: Es entstand eine leise, poetische Fantasiereise mit rhythmisiertem Text, eine Meditation in Klang und Bewegung. In Fischers eigener Komposition „Gathering“ erlebte man seine schöpferische Phantasie im Umgang mit dem teils präparierten Vibraphon und allerlei klingenden Materialien: Faszinierend die Hingabe an die Klangerzeugung, die Kontraste in Klangfarbe und Dynamik, das Wispern von Metall oder die bauchigen Akzente durch einen Streichbogen.

Immer wieder arbeitet der Künstler mit Elektronik, sei es, um in Steve Reichs „Music for Pieces of Wood“ die fünfte Stimme als Grundpuls einzuspielen (die „Holzstücke/Klanghölzer“ führen ein genau definiertes Eigenleben, ebenso die je zwei Schlegel, die Johannes Fischer in den Händen hält und ganz und gar unabhängig einsetzt). In „Under ground“ haben die Mikrofone ihr „Ohr“ am Deckel eines sauberen Ölfasses und eines liegenden Tamtams: Auch in diesem eigenen Stück, inspiriert vom Weltkulturerbe Rammelsberg und seinen Maschinen, schickt Fischer sein Publikum auf Klangreise mit Fingerknöcheln und Handballen und allerlei Zuspielungen und Klangmischungen. Es wirkt wie „Geisterspiele“ mit fauchenden und schabenden Geräuschen, eingefangen mit einem tollen Gespür für Timing und Spannungsaufbau. In Steve Reichs „Electric Counterpoint“ schließlich hat Johannes Fischer 13 Tonspuren mit dem Vibraphon aufgenommen („etwas beängstigend“ sei dieser vervielfachte Dialog mit sich selbst, kommentiert der auch humorvoll moderierende Künstler) und mischt seine 14. Stimme live dazu: Durchlässig für den Puls und den Fluss der Musik hat sein Spiel etwas Magisches. In „Variations on a dream“, dem Arrangement eines Klavierstücks von John Cage, setzt er allerlei ostasiatische Instrumente und das afrikanische Daumenklavier Kalimba ein, mal behutsam vorsichtig, mal in ein Klanggewitter von hängenden Gongs mündend. Dass seine Kunst körperliche Schwerstarbeit ist, zeigt Fischer schließlich in einem Klassiker des griechischen Musikers und Architekten Iannis Xenakis, der im Mai seinen 100. Geburtstag hätte. Spätestens, wenn Fischer zu den im Halbkreis aufgestellten Trommeln und hell klingenden Holzblöcken mit dem Fuß auch noch eine große Basstrommel anschlägt, glaubt man, eine der vielarmigen indischen Gottheiten vor sich zu sehen.

Katharina von Glasenapp, Schwäbische Zeitung Wangen, 23. Februar 2022


Welturaufführung beim Herbstkonzert der Stadtkapelle Wangen in unserem Festsaal

Erstes Herbstkonzert seit zwei Jahren

Die Wangener Stadtkapelle präsentiert einen Blasmusikabend auf höchstem Niveau

Das erste Herbstkonzert der Stadtkapelle seit zwei Jahren hat unter der Leitung von Tobias Zinser coronakonform stattgefunden – mit 3G, Maskenpflicht und ohne Pause. Das tat dem Genuss und der Qualität des Abends keinen Abbruch: Blasmusik auf höchstem Niveau mit der perfekten Balance aus Anspruch und Hörgenuss. Als Solist mit dabei war Andreas Martin Hofmeir – nicht nur als Tubist ein künstlerisches Unikat.

Zunächst gab es mit dem Marsch „Rákóczi“ aus der Feder von Hector Berlioz (1803 bis 1869) ungarisches Flair an das sich „An Original Suite for Military Band“ von Gordon Jacob (1895 bis 1984) anschloss. Das virtuose Spiel mit den Stimmungen und den Klangfarben eines Blasorchester haben das Stück zum Klassiker gemacht. Es schmeichelt dem Ohr, die schnellen Sätze putzmunter und mit Jazz-Anklängen, alles organisch wachsend und in ständigem Fluss.

Stephen L. Melillo (geboren 1957) schrieb sein „Concerto for Tuba – The Strong Soul“ als Schilderung von seelischem Wachstum durch Leid und Kampf, ungemein dicht, spannungsgeladen und mitreißend. Es war an diesem Abend zum ersten Mal überhaupt zu hören. Die drei Sätze spannten sich zwischen Extremen, ohne in musikalischen Extremismus zu verfallen. Die Kraft, dargestellt durch einen virtuosen, komplexen Solo-Part der Tuba, verfiel nicht in vordergründige Effekte, sondern pendelte zwischen emotionalem Hexenkessel und grüblerischer Ruhe, innerer Atemlosigkeit und tiefer Ruhe und Andreas Martin Hofmeir holte alle klanglichen Nuancen aus dem mächtigen Instrument heraus und die Stadtkapelle erwies sich als adäquater Sparring-Partner für dieses wuchtige, eindrucksvolle Stück Musik.

In „Perthishire Majesty“ von Samuel R. Hazo (geboren 1966) spielte die Stadtkapelle ihre Klangfülle perfekt aus und hüllte den Zuhörer völlig ein, während aus den wechselnden Metren, geschickten Verdichtungen und zündenden Melodien der „Caucasian Rhapsody“ von Andrej Babaev (1923 bis 1964) spritzige Lebensfreude sprach. Mikhail Protsenko, den Tobais Zinser auf der letzten Russlandreise der Stadtkapelle kennengelernt hat und der inzwischen in Lochau lebt, hat diese Lebendigkeit eins zu eins auf die Möglichkeiten eines Blasorchesters übersetzt.

Vor und auch während des berühmten „Czárdás“ von Vittorio Monti (1868 bis 1922) bewies Martin Andeas Hofmeir seine humoristischen Qualitäten, verbal, in seinem Abriss über die Geschichte und die Möglichkeiten der Tuba, musikalisch in seiner Interpretation des altbekannten Stückes, das er auf seinem großen, als schwerfällig angesehenen Instrument mit Leichtigkeit und viel Augenzwinkern servierte.

Die „Klezmer Classics“ von Johan de Meji (geboren 1953) spielten mit Versatzstücken dieser jüdischen Musik, kombinierten sie mit modernen Elementen und der Klangwucht eines Blasorchesters, ohne auf die „sprechenden“ Klarinetten und die mitreißenden Rhythmen zu verzichten – es machte einfach Spaß, dieser geballten Ladung guter Laune zuzuhören. Nicht weniger eindrucksvoll gelang „Granada“ von Agustin Lara (1897-1970), das andalusischen Stolz und arabisches Erbe, Paso Doble und klangvolle Romantik in einer vollkommenen Dramaturgie miteinander verbindet – ein musikalischer Geniestreich.

Zwei Zugaben erklatschte sich das Publikum, einmal den Marsch „Einzug der Gladiatoren“ von Julius Fucik und dann die Ballade „Share my Yoke“, die vom stets barfuß spielenden Andreas Martin Hofmeir allen Verheirateten gewidmet wurde.

Besondere Erwähnung fand diesmal „Senior“ Werner Bufler, der am Konzertabend seinen 86. Geburtstag feierte und seit 72 Jahren aktiv als Hornist bei der Stadtkapelle mit dabei ist – ein Zeichen dafür, dass die Stadtkapelle und ihre lange Reihe von Dirigenten nicht nur ihr Publikum mit Musikauswahl und Qualität zu begeistern wissen, sondern auch die eigenen Musiker. Das eine bedingte wohl das andere.

Johannes Rahn, Schwäbische Zeitung Wangen, 25. Oktober 2021


Opernbühne Württembergisches Allgäu inszeniert Beethovens „Fidelio“

Ein politischer Gefangener, der aus Herrscherwillkür eingekerkert wurde. Dazu eine mutige Frau, die sich, als Mann verkleidet, ins Gefängnis einschleicht. Die Geschichte, die uns Beethoven in seinem „Fidelio“ erzählt, ist seit der Uraufführung am 20. November 1805 zeitlos aktuell. Denn es geht um Missbrauch von Macht und es geht um Treue, die kein Risiko scheut. Der Traum vom kleinen Glück ist die Triebfeder, Freiheit und Gerechtigkeit bilden die große Vision.

Welcher Zeitpunkt eignet sich für die Aufführung von Beethovens einziger Oper also besser als gerade der um den 3. Oktober herum, an dem die vollzogene deutsche Einheit als Nationalfeiertag begangen wird? Als 1990 der vier Jahrzehnte währende Zustand der deutschen Teilung als Folge des Zweiten Weltkrieges in der Ära des Kalten Krieges beendet wurde?

„Fidelio“ im Beethoven-Jahr 2020 herauszubringen, das war für die Opernbühne Württembergisches Allgäu mit ihrem Gesamtleiter Friedrich-Wilhelm Müller fast schon eine Verpflichtung. Wenn dann auch die Corona-Bestimmungen einen Strich durch die Rechnung machten, so ließ man sich nicht entmutigen. Kurzerhand wurde die „Befreiungsoper“ in konzertanten Streifzügen aufgeführt. Immer in der Hoffnung, die szenische Erarbeitung doch noch folgen zu lassen.

Das ist in nur drei Monaten konsequenten Probens gelungen. Mit dem jungen Tiroler Regisseur Florian Hackspiel und der Bühnen- und Kostümbildnerin Annett Lausberg wurde ein Team gefunden, das sich laut Möller „mit viel Herzblut und Energie in die Arbeit gestürzt hat“. Mit dem zum Teil neu besetzten Ensemble aus zwei Sängerinnen und fünf Sängern wie dem Chor und dem Orchester der Opernbühne entstand ein Gesamtwerk, das als „Singspiel“ beginnt und als „große Bühne“ endet. Leichtes, Ernsthaftes und „etwas dazwischen“ gehen Hand in Hand.

Immer wieder werden „Fidelio“ und Beethovens 9. Symphonie in einem Atemzug genannt. Und in der Tat liegen sie inhaltlich nicht weit voneinander entfernt. Man denke beispielsweise an das Finale der Oper, wo es heißt: „Wer ein holdes Weib errungen, stimm‘ in unsern Jubel ein“. In Schillers „Ode an die Freude“ singt der Chor: „Wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein“. Es ist überliefert, dass sich Beethoven für die Ideen der Französischen Revolution begeisterte. Auch das Thema Völkerverständigung war dem Komponisten wichtig: „Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.“

Als sich der Vorhang im Saal der Wangener Waldorfschule am vergangenen Sonntag hebt, wird es offensichtlich: Fidelio zeigt sich praktikabel und modern. Die Outfits sind alltagstauglich, Handys keine exotischen Accessoires mehr. Drei bewegliche Riesenleitern mit geräumigem „Plateau“ sind ideal für ein bewegtes Agieren der Darsteller. Vortrefflich lässt es sich darauf sitzen, knien, rauf und runter laufen, in schwindelnder Höhe singend stehen und ab und zu sogar liegen.

Während Dirigent Friedrich-Wilhelm Möller die Sängerinnen und Sänger wie die Chöre auf der Bühne und das Orchester im „Orchestergraben“ mit eleganter Taktstockführung leitet und Bläser wie Streicher jede Stimmung, jeden Ausdruck der Partitur transparent nachempfinden lässt, erleben die Zuschauer eine stimmvolle und stimmige Inszenierung von Florian Hackspiel.

Bevor die als Mann verkleidete Leonore unter dem Namen Fidelio ihrem eingekerkerten Ehemann Florestan zur Befreiung verhelfen kann, dauert es noch fast zwei Stunden. Bis dahin hat Florestan seine Hoffnung auf Leonore gesetzt. Eugene Amesmanns lyrischer Tenor vibriert nur so von Sehnsucht und Vertrauen, die ihm angelegten Ketten geben dazu den Takt an: „Ich seh‘, wie ein Engel im rosigen Duft sich tröstend zur Seite mir stellt, ein Engel, Leonoren, der Gattin, so gleich. Der führt mich zur Freiheit ins himmlische Reich.“

Nach Florestan tritt Christian Feichtmair als rettender Minister Don Fernando auf. Auch wenn die Partie klein ist: sie wurde mit dem in Wangen bekannten Künstler vortrefflich besetzt.

Die helle lyrische Stimme von Milena Arsovska, die sich als jugendlich blühende Kerkermeisterstochter Merzelline äußerst kokett in Szene zu setzen weiß, gefällt ebenso wie ein üppig blühender, herrlich farbenreicher Fidelio, gesungen von Isabel Blechschmidt. „Wie groß ist die Gefahr, wie schwach der Hoffnung Schein!“ Nach ihr gesellt sich im ersten Quartett mit Papa Rocco die Bassbariton-Wärme von Jörn Schümann. Wie er die menschliche Seite an Roccos zwiespältigem Charakter gut hervorhebt.

Bleibt noch der unglücklich verliebte Jaquino, klar und strahlend Francisco Huerta: „Mir sträubt sich schon das Haar, der Vater willigt ein.“ Und als eine Art „Publikumsliebling“ erweist sich Reuben Willcox. Obwohl gerade er den Bösewicht par exellence gibt. Im perfekt sitzenden Anzug schmettert Willcox seine Arien aus luftiger Höhe in den Saal hinein. Gänsehaut nicht ausgeschlossen.

Vera Stiller, Schwäbische Zeitung Wangen, 5. Oktober 2021


Was für ein fulminanter Theaterabend. Packend. Bewegend. Berührend. Vielen Dank der 12. Klasse für „ANTIgone“! Galerie


Mit Bauch, Flöte und Flügel durch Wien. Koch, Autor und Musiker Vincent Klink legt gemeinsam mit Patrick Bebelaar das Wesen des Wieners dar.

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Der renommierte Jazzpianist Patrick Bebelaar (links) begleitet Vincent Klink am Flügel. (Foto: Stadt Wangen)

Im Rahmen der 37. Baden-Württembergischen Literaturtage lockte ein ungewöhnliches Duo in den Festsaal der Waldorfschule in Wangen: Vincent Klink, im „Erstberuf“ Meisterkoch aus Stuttgart, dazu Autor, Musiker, bildender Künstler und ideenreicher Geist, brachte sein jüngstes Buch „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ mit. Er las ein bisschen, erzählte aber viel mehr, griff zwischendurch zur Flöte und ließ sich von seinem feinsinnig kreativen Klavierpartner Patrick Bebelaar in poetischen Jazzballaden tragen. Eingeladen vom Verein Kultrast und vorgestellt von dessen Vorsitzenden Franz Osterkorn, präsentierten die beiden eine „Wienerische Melange“ und kurzweilige Reise durch die österreichische Kulturgeschichte.

Der „lustwandelnde Bauch“, dezent verborgen unter einem schwarzen Oberteil und einem weiten Sakko, wandert durch Wien, legt das Wesen des Wieners als Mischung von Kultur, Ideenreichtum und Widerspruchsgeist dar und portraitiert eine Stadt, die seit Jahren immer wieder für ihren Lebenswert ausgezeichnet wird.

Vincent Klink sieht sich in der Tradition eines arabischen Erzählers, die Zutaten mischt er wie in der Küche aus einem Fundus an historischen Fakten, geistreichen Assoziationen und Zitaten. Über 100 Jahre nach dem Ende des Kaiserreichs seien die Habsburger immer noch existent. Kaiser Franz-Josef, ein „herzensguter Mensch“ und seine Gattin Sissi, die bei Jagden an vorderster Front im Damensattel ritt und auf Korfu bei Wanderungen im Sturmschritt griechisch lernte, bringt Klink seinem Publikum so empathisch nahe, als hätte er sie persönlich gekannt.

Aber auch das Wiener Vielvölkergemisch, Basis für die böhmischen und tschechischen Wurzeln der k&k-Küche – „alles was a bissl kochen oder bedienen konnte, ist nach Wien gekommen“ – hat er bei seinen Reisen nach Österreich liebgewonnen. „Die geruhsamste Großstadt, die ich kenne“ sei auch durch ihre Sozialleistungen, die Gemeindebauten, bezahlbare Mieten, den halben Steuersatz für Gaststätten und einen Kulturetat, dreimal so hoch wie in Deutschland, geprägt.

„A bissle was übers Essen“ erzählt er dann doch noch, lässt das Publikum teilhaben an einem Abend im Gasthaus Wolf mit interessanten Tischgenossen, einem mehrgängigen Menü, sieben Flaschen „gemischtem Satz“, Marillenknödeln aus Kartoffelteig und „zum Dessert“ um Mitternacht einen frischen Schweinsbraten im eigenen Fleischsaft – wohl bekomm’s!

Nicht mit Wiener Walzern und Polkas, sondern mit Jazz-Balladen, die zu dieser „Gemengelage des Genießens“ gut dazu passen, untermalen Vincent Klink und Patrick Bebelaar ihr Programm: Der renommierte Jazzpianist schafft mit der linken Hand die Basis und den Grundpuls, lässt die rechte Hand frei fliegen. In seinen Soli zeigt er Charakter, manchmal dämpft er die Basssaiten des Flügels, als hätte er einen Kontrabass zur Seite, als einfühlsamer Partner lässt er aber auch den Melodien der Flöte ihren Raum.

Einmal darf der Pianist mit der roten Brille und den roten Schuhen zeigen, „was er so drauf hat“ und lässt sich hineinfallen in einen mitreißenden Tango – da kommen dann auch Handflächen und Unterarme zum Einsatz. Zuletzt greift Vincent Klink noch zur Mundharmonika – „die han i immer im Audo, wenn mei Frau beim Alnadura a Sächskornbrödle kauft“ – und stimmt mit Patrick Bebelaar einen Blues an. Ach ja, kochen kann er auch noch, der vielseitige Lebenskünstler.

Katharina von Glasenapp, Schwäbische Zeitung Wangen, 20.10.2020


Ein außergewöhnliches Musikereignis: Die Opernbühne Württembergisches Allgäu bescherte dem Publikum im Saal der Waldorfschule mit „Fidelio“ einen großartigen Konzertabend.

„Fidelio“ im Beethoven-Jahr zu spielen, das war für die Verantwortlichen, allen voran Gesamtleiter Friedrich-Wilhelm Möller, fast schon Chronistenpflicht. Und wenn auch durch die Corona-Bestimmungen vieles von dem, was das Inszenierungsteam mit Bühnenbild und Kostümen fertig vorbereitet hatte, dann doch ausfallen musste, so war man sich am Samstagabend im Saal der Waldorfschule einig: Der „konzertante Streifzug“ durch Ludwig van Beethovens „Befreiungsoper“ – mit den von Dirigent Möller erzählend-kommentierenden Einschüben – ließ nichts vermissen.

Beethovens einzige Oper ist eine Ode an die Freiheit und die Liebe. Mehr noch: „Fidelio“ richtet sich gegen jede Form der Diktatur. Zusammenfassend könnte man sagen, dass dieses „Lebenswerk Beethovens“ ein fein gewebtes Drama über das „Private im Politischen“, eine Hymne an den hingebungsvollen Menschen im Angesicht der Gewalt ist. Besonders ergreifend findet sich Beethovens klingendes Credo für Gerechtigkeit und Humanität im Schlusschor wieder. Und erinnert dabei an das Gegenstück seiner neunten Sinfonie. Schillers „Ode an die Freude“ ist seither zum klassischen „Menschheitsschlager“ geworden.

Auch wenn hier allein als Konzert dargeboten, so ist doch herauszuhören, dass diese Oper generell über größere Strecken hinweg mehr symphonische und oratorienhafte Züge zeigt. So lässt Friedrich-Wilhelm Möller sein Orchester den Wandel vom anfänglichen „Singspiel“ bis zum großen „Bühnenwerk“, das vom Kerkerdunkel hin ans Licht führt, authentisch nachempfinden. Jede Stimmung, jeder Ausdruck wird transparent, jede Feinheit der Partitur herausgearbeitet.

Da ist zum Beispiel das Quartett „Mir ist so wunderbar“. Hier wird durch die Instrumentalisten das nach innen gerichtete Denken jeder für sich singenden Figur in ein zartes Licht getaucht. Hier ist auch der Moment, wo die Hauptfigur Leonore zum ersten Mal in Erscheinung tritt. Sie schleicht sich förmlich musikalisch in das Stück hinein. Wie sie sich ebenso diskret und unter dem falschen Namen Fidelio und in Männerkleidung in die Dienste des Kerkermeisters Rocco begibt, um ihren Gatten Florestan aus dem Gefängnis und aus den Klauen des Tyrannen Pizzaro zu befreien.

Ula Drescher ist diese mutige und energische Frau. Ihre hoch präsente und klare, geradezu „heldenhafte“ Sopranstimme überzeugt ebenso wie ihr schauspielerisches Talent. Gekonnt gibt sie jede der Gemütszustände Leonores zu erkennen: mal zornig, mal voller sehnsüchtiger Wehmut, dann wieder sich ihrer eigenen Stärke bewusst. Das Orchester übernimmt die Aufgabe, den Gesang gleichsam wie ein Zwiegespräch Leonores mit sich selbst zu formen.

Auch das Zusammenspiel mit Florestan funktioniert wunderbar. Mit „Gott! Welch‘ Dunkel hier!“ zieht Sebastjan Podbregar die Zuschauer förmlich mit in die dunkle Kälte des Kerkers. Den weiteren Verlauf der Arie gestaltet der junge Slowene mit beseelter Tenorstimme.

Die helle lyrische Stimme von Indira Hechavarria Pupo als Marzelline, die sich im Spiel äußerst kokett in Szene zu setzen weiß, gefällt ebenso wie Tenor Timo Rößner (Jaquino) als hartnäckiger Werber in Liebesdingen. Seine Begierde zielt in Richtung Leonore. Dem Bösewicht Don Pizarro verleiht Reuben Willcox mit baritonaler Fülle ein in der bedrohlichen Ausgestaltung kaum zu übertreffendes Gewicht.

Bleiben noch Jörn Schümann als Rocco und Christian Feichtmair als Minister Don Fernando. Schümann hebt mit ebenso weicher wie reifer Bassbaritonstimme die menschliche Seite an Roccos zwiespältigem Charakter hervor. Und mit Bariton Feichtmair, ein in Wangen bekannter und geschätzter Künstler, ist auch die kleine Partie des Don Fernando prächtig besetzt.

Der ebenfalls von Friedrich-Wilhelm Möller einstudierte Chor der Opernbühne komplettiert die konzertante Aufführung zu einem runden Ganzen. Nicht vergessen werden dürfen auch die zielführenden Bemühungen sein, alle coronabedingten Maßgaben, vor allem hinsichtlich der einzuhaltenden Abstände und der Belüftung, gewissenhaft auszuführen.

Nicht enden wollender Applaus zeigt dann auch den Respekt und die Dankbarkeit gegenüber allen Ausführenden an. Wie man sicherlich gerne den Satz von Friedrich-Wilhelm Möller im Ohr behält, der die Hoffnung ausspricht, im kommenden Jahr „einen Fidelio in Maske, Kostüm, Bühnenbild und Inszenierung“ präsentieren zu können.

Vera Stiller, Schwäbische Zeitung Wangen, 6. Oktober 2020


Ungewohnte, aber sympathische Atmosphäre

Es ist wieder möglich gewesen: ein sinfonisches Konzert in der Wangener Waldorfschule. Auf der großen Bühne des Festsaals präsentierten sich am Freitagabend junge Musiker der Vier-Länder-Jugendphilharmonie, kurz „Quarta“ genannt, in einer auf das erforderliche Minimum reduzierten Besetzung. Die Leitung hatte der Dirigent Christoph Eberle aus Vorarlberg.

Das von ihm ins Leben gerufene Sinfonieorchester betreibt jährlich Anfang September eine Arbeitsphase, in der ein Programm für die Auftritte in den großen Sälen der Region erarbeitet wird, darunter der Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg, das Bregenzer Festspielhaus, die Tonhalle in Sankt Gallen, das Feldkircher Montforthaus und eben der Festsaal der Wangener Waldorfschule.

Statt, wie ursprünglich geplant, Gustav Mahlers vierter Sinfonie erklangen die Sinfonie Nr. 29 A-Dur KV 201 von Wolfgang Amadeus Mozart, die Romanze für Solovioline und Orchester Nr. 2 F-Dur op. 50 und die Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 „Pastorale“ von Ludwig van Beethoven, dessen 250. Geburtstag die Musikwelt im aktuellen Jahr begeht. Im Hinblick auf die Besucherzahlen konnten sowohl die Sehnsucht nach einem Live-Konzerterlebnis als auch die populären Werke punkten. Zahlreiche Interessierte fanden den Weg in die Waldorfschule. Das Konzert war mit Ausnahme der vordersten Plätze sehr gut besucht. Die lockere Saalbestuhlung in Zweiergrüppchen und mit ausreichendem Abstand tat ihr Übriges, um für eine ungewohnte, aber sympathische Atmosphäre zu sorgen.

Für die jungen Leute auf der Bühne ist es eine Herausforderung, Bekanntes mit Perfektion unter Einhaltung etwas größerer Sitzabstände zu präsentieren. Abgesehen von wenigen verzeihlichen Schönheitsfehlern, gelang Mozarts Sinfonie präzise, mit Verve und Elan. Christoph Eberle war mit Sorgfalt seinem Orchester zugewandt und trieb die Violinen zu Höchstleistungen an und hielt die Mittelstimmen in Schwung.

Johannes Ascher, Konzertmeister des Orchesters, interpretierte in Beethovens Romanze die Solovioline mit zartem, unprätentiösem Ton. Auf einer kostbaren französischen Geige von Jean Baptiste Vuillaume spielte er mühelos und treffsicher.

Der junge Solist stammt aus Tuttlingen und studiert bei Professor Ulf Wallin an der Hanns-Eisler-Musikhochschule Berlin. Mit dem vierten Satz „Allegro“ aus Johann Sebastian Bachs Sonate a-Moll bedankte er sich bei seinem Publikum und erntete reichlich Applaus auch aus den Reihen der Orchesterkollegen.

Zum hohen Niveau der dargebotenen Pastoralsinfonie trugen die ausgezeichneten Bläser des Orchesters bei. Die Naturtrompeten verdeutlichten – wenn man so will – Beethovens Plädoyer für „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“, berühmt gewordene Worte des Naturliebhabers im Programmzettel der Erstaufführung anno 1808.

Julia Beemelmans, Schwäbische Zeitung Wangen, 16. September 2020


Der Bass als Soloinstrument

Das Städteorchester Württembergisches Allgäu begeistert mit einem bunten Programm

Der Kontrabass ist aus einem großen Orchester ja nicht wegzudenken, die tiefen Töne kommen aber in der Regel aus dem Hintergrund. Dabei gibt es durchaus Stücke für einen virtuosen Kontrabasser. Zwei davon hat das Städteorchester Württembergisches Allgäu bei ihrem Jahresschlusskonzert aufgegriffen, am Pult Marcus Hartmann, als Solist sein Sohn Simon. Viel, viel Beifall, drei Zugaben beim Konzert in Leutkirch, dessen Programm auch beim Silvesterkonzert im Waldorfschulfestsaal in Wangen zu bestaunen war.

Nino Rota ist den meisten als Komponist für Filmmusik bekannt, hat etwa 150 bunte Streifen mit Klängen gefüllt. In Zusammenarbeit, Freundschaft zu berühmten Regisseuren: Federico Fellini, Luchino Visconti, Francis Ford Coppola und anderen. Sein klassisches Schaffen wird dabei leicht übersehen. Dabei hat er höchst reizvolle Werke geschaffen – so sein „Divertimento Concertante für Kontrabass und Orchester“. Das beginnt mit einer sensiblen Einleitung, das Städteorchester auch dieses Mal in erstaunlicher Form. Der Bass tritt in Zwiesprache mit Streichern, Bläsern, fein austariert. Samtenes Breitwandkino, bevor der große Part von Simon Hartmann kommt. Frappierende Läufe, vom Flageolet ganz oben bis zum tiefsten Basston. Komplexe Doppelgriffe. So etwas ist selten zu hören, für viele ein Erlebnis.

Begonnen hat das Konzert in der ausverkauften Leutkircher Festhalle mit dem Festmarsch op. 54 von Antonin Dvorak. Ein flottes Stück, mit viel Fanfaren, schwelgerischem Hochlebenlassen. Höfische Bücklinge vor dem österreichischen Kaiserpaar, das diese Komposition an seiner Silbernen Hochzeit serviert bekommen hat.

Klasse zeigt das Orchester bei der wohltuend kurzen Suite „The Magic of Harry Potter“. Darin hat der Komponist John Williams Melodien aus allen acht Harry-Potter-Filmen untergebracht. Nahtlos ineinandergeschlungen.

Klassik darf auch unernst sein, mit kindlichen Späßchen Freude bereiten. Mozart hat das Singspiel „Bastien und Bastienne“ im Alter von zwölf Jahren geschrieben, der profilierte Heiner Miller gibt als Bass-Stimme die Arie des Zauberers Colas. Mit dem Nonsenstext „Diggi, daggi, schury, mury, horum, harum, lirum, larum…“ Ein Stückchen „opera buffa“, Heiner Miller passend im Bauernhemd, mit dick vollgestopftem Wanst. Ein harmloser Spaß, aber bereits mit dem typischen Mozart-Klang. Ein reifer Mozart ist dagegen die Konzertarie für Bass und Kontrabass „per questa bella mano“. Zwiesprache der tiefen Töne, dazu herausfordernde Soli für Simon Hartmann. Klasse, ebenso das Orchester.

Der Komponist Frederic Delius (1963- 1934) ist ziemlich in Vergessenheit geraten, vielleicht nicht ganz ohne Grund. Bei der „Schlittenfahrt“ hört man, natürlich, die Schellen, es geht lautmalerisch durch die winterliche Natur. Ein gefälliges Stück. Aus der Kälte führt Dirigent Marcus Hartmann direkt in die Karibik. Louis Moreau Gottschalk (1829 – 1969) aus New Orleans ist zu seiner Zeit ein gefeierter Pianist gewesen, auch ein Exzentriker, Tannhäuser mit 14 Klavieren. „Night in the Tropic“, zweiter Satz, bringt kreolische Klänge, afroamerikanische Percussion, Samba, vermählt mit europäischer Tonsprache. Das ist jetzt nicht die karibische Lebensfreude pur, eine Melange. Packend, ungewöhnlich. Konzipiert (und in Havanna so aufgeführt) hat Gottschalk diese Tondichtung übrigens für 800 Musiker. Muss nicht sein, ein gut besetztes Orchester kann´s auch.

Der Beifall ist groß, zu Recht. Marcus Hartmann freut sich, die Damen und Herren Instrumentalisten strahlen. Als erste Zugabe erklingt, nein, nicht die Ambosspolka, doch auch ein Stück mit Amboss und silbrigem Gehämmere. Das „Feuerfest“ von Josef Strauss, dem Bruder des berühmten Walzerkönigs. Gut gemacht, das Publikum amüsiert sich. Nochmal Strauss, diesmal Sohn Johann. Seine Schnellpolka „Auf der Jagd“ ist seinerzeit sicher ein Höhepunkt vieler Feste gewesen, erhitzte und hitzige Menschen wirbeln durch den Tanzsaal. Das Städteorchester bringt dies feurig, akzentuiert. Als Finale der „Radetzkymarsch“, Johann Strauß Vater. Alle klatschen mit, rufen danach Bravo, applaudieren begeistert. Da hat das Städteorchester kurz vor dem Jahreswechsel ein buntes Feuerwerk gezündet – in Leutkirch und in Wangen.

Bernd Guido Weber, Schwäbische Zeitung Wangen, 2. Januar 2020

Romantik und Moderne musikalisch vereint

Herbstkonzert der Stadtkapelle Wangen im Festsaal der Waldorfschule

Mit ihrem Herbstkonzert ist der Stadtkapelle Wangen im Festsaal der Waldorfschule am Sonntagabend erneut ein emotional dichtes und musikalisch hochstehendes Konzert gelungen. Musikdirektor Tobias Zinser hatte bei seiner Stückauswahl wieder einmal eine sichere Hand bewiesen und vereinte Werke der Romantik und der Moderne zu einem intensiven Erlebnis.

Der „Marche au Supplice“, der Gang zum Schafott von Hector Berlioz (1803-1869), war von Irrsinn geprägt. Düster, aber auch einem geradezu triumphalen Marschthema gerecht werdend, entfaltete die Stadtkapelle ein breites dynamisches Panorama, eine emotionale Achterbahn im Angesicht des Todes. In den „Polowetzer Tänzen“ von Alexander Borodin (1833-1887) vereinten sich Russland und der Orient in einem lupenreinen, sehr flexiblen Klangbild.

Die sanften harmonischen Reibungen der Ballade „Perthshire Majesty“ von Samuel R. Hazo (geb. 1966) färbten dieses Klangbild dann herbstlich bunt und schwangen sich in mehreren Stufen zu wahrhaft majestätischer Fülle auf, die das Innere des Hörers völlig in Beschlag nahm. In „Battle of Hearts“ zeichnet Bert Appermont (geb. 1973) Charaktere und Handlung von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“ nach. Im ersten Satz stellt ein weich wogender Teppich spätromantischer Harmonien die zärtliche Liebe Kätchens dar. In den dynamischen und klanglichen Effekten eines ausgeklügelten Variationssatzes über eine Renaissance-Lied manifestiert sich anschließend die große Rivalin Kunigunde.

Dann bricht der große musikalische Feuersturm los, aus dessen Flammen die Liebe neu ersteht. Macht gegen Gefühl, Liebe gegen Gewalt, am Ende der Triumph des Guten: Das alles floss zusammen in ungemein plastisch und lebendig geschilderten Charakteren, deren Intensität unter die Haut ging.

Die „Symphonic Suite“ von Clifton Williams (1923-1976) ging ebenfalls unter die Haut: Ein wuchtige Intrada, ein von butterweichem tiefen Blech geprägter Choral, ein Marsch, präzise und prägnant, der träge antike Tanz und ein vor Kraft sprühender Schlusssatz: Das alles lief ab wie schweizer Uhrwerk und war doch voller Seele und Lebendigkeit.

Stephen L. Melillo (geb. 1967) schrieb „In einem anderen Licht“ zu Ehren des Verlegers und Arrangeurs Siegfried Rundel. Ein hochdramatischer Beginn schlug sofort in den warmen Gesang eines weit gefassten Chorals um, über den immer wieder das Chaos hereinbrach. Man erstarrte atemlos vor diesen gewalttätigen Umschwüngen auf engstem Raum und erst der strahlende Schluss löste dieses Erstarren auf.

In seinen „East Coast Pictures“ hat Nigel Hess (geb. 1953) viele Stimmungsschattierungen eingefangen und dann über seinen Musik wieder freigelassen. In Windeseile perlende Holzbläser charakterisierten „Shelter Island“. Wunderschöne Melodien und innere Wärme umfingen die Zuhörer in „The Catskills Mountains“ und „New York“ war quirlig und rastlos, gut gelaunt und optimistisch und quoll über vor ungestümer Lebensfreude – die Stadtkapelle machte auch hier wieder die Musik zum Vehikel für Gefühl und mitreißende Emotionen. Das roch nach Zugaben. Die Musiker spendierten dem begeisterten Publikum zwei Stück: den Marsch „Kinizsi“ von Julius Fucik und ein Adagio des russischen Dirigenten und Komponisten Waleri Chalilow, der 2016 bei einem Flugzeugabsturz um Leben kam – leise, ergreifende Töne als Abschied vom goldenen Oktober.

Johannes Rahn, Schwäbische Zeitung Wangen, 29. Oktober 2019

Beeindruckendes musikalisches Zusammenspiel

Oratorienchor, Klavier, Bläser- und Streichquartett überzeugen beim Motto-Konzert „Von Werden und Vergehen“

Unter dem Motto „Von Werden und Vergehen“ hatte der Oratorienchor am Sonntag in den Festsaal der Wangener Waldorfschule geladen. Die Auswahl der Werke durch Dirigent Friedrich-Wilhelm Möller war dicht und intensiv, vereinte Moderne und Romantik. Und im Zusammenspiel der musikalischen Elemente spürte man das Werden und Vergehen der Zeit nicht mehr.

Das Posaunenquartett „Ars Bucinarum“ aus Torsten Steppe, Jörg Scheide, Fabian Koch und Bernhard Klein begann mit der „Argen Fanfare“ Nr. 5 von Bernhard Klein, ein pointiertes kraftvolles Stück mit bewegten Motiven. Die „Liebeslieder-Walzer“ von Johannes Brahms (1833-1897) strotzten vor Sangesfreude und stürzten sich ins Wechselbad aufkeimender Gefühle. Musikalisch waren sie sehr konzentriert, zogen ihre Essenz aus den Texten von Georg Friedrich Daumer. Angeführt vom inspirierenden vierhändigen Klavierpart, gespielt von Margarete Busch und Nobert Schuh, bewegte sich der Chor leichtfüßig und in variabler Besetzung.

Die Harmonien von „Water Night“ von Eric Whitacre (geboren 1970) entwickelten sich von einem Ton aus nach oben und unten auseinanderstrebend, und trotz aller Reibungen leuchteten die Töne und verströmten tiefe Ruhe. „Days of beauty“ und „Tundra“ von Ola Gjeilo (geboren 1978) entwickelten sich zu eindrucksvollen Naturschilderungen mit Klängen irritierend wie Polarlichter und abgerundet durch ein Streichquartett aus Maria Grammer, Susanna Leonhardt, Nina Paulußen und Sofia Hauser.

„Sleep“ von Eric Whitacre schloss sich an, ein langsames Hineingleiten in den Schlaf, dumpf und träge, mit einem aufkeimenden Anflug von Angst und Unsicherheit. Dieser Abschnitt moderner Chormusik bestach durch seine harmonische, musikalische Sicherheit und Ausdrucksstärke. Rein instrumental folgten die bekannten Melodien von Bernsteins „Westside Story“. Ars Bucinarum erwies sich als klanglich flexibel und vielgestaltig genug, um den Schwung und die Lebendigkeit des Originals auch in einer vierstimmigen Bearbeitung zu bewahren.

Die „Neuen Liebeslieder“ von Brahms waren Schlaglichter, musikalische Mosaiksteine und Andeutungen, leidenschaftlicher als die Walzer und auch düsterer. Und wieder war es der Klavierpart, der die Stimmung trug und stützte, und der Chor folgte flexibel und präzise diesem Fundament. Die namensgebende Kantate „Von Werden und Vergehen“ von Bernhard Krol (1920-2013) lebte vom Wechselspiel aus Chor und Posaunen-Quartett. Die Assoziation der Posaunen mit Weltuntergang und Totengericht verlieh dem Stück einen feierlichen Ernst, ohne den Humor in den Texten von Theodor Fontane auszuklammern. Hajo Fickus trug die Gedichte gekonnt vor und brachte die Stimmung auf den Punkt. Die eigentümliche Wirkung des Wechselspiels aus tiefen Blechbläsern und gemischtem Chor trieb die musikalische Entwicklung voran. Der Chorpart war nicht melodisch, sondern rein vom Sprachrhythmus her gedacht, oft fast rezitativisch knapp, während die Posaunen Motive weiterspannen und so dem Werk eine ungemein eindrucksvolle Farbenpracht verliehen.

Verschiedene Stil und Musikrichtungen hatten sich zu einem befriedigenden Ganzen verbunden, sinnierend und sinnlich zugleich, musikalisch dicht gedrängt und präzise im Ausdruck und im fein austarierten Zusammenwirkung von Chor, Klavierpart, Bläser- und Streichquartett ästhetisch äußerst befriedigend.

Johannes Rahn, Schwäbische Zeitung Wangen, 23. Oktober 2019

Der Ball der tausend Lichter

Beim 17. Winternachtsball in der Wangener Waldorfschule war der Saal wieder gefüllt mit tanzfreudigen Besuchern. In glitzernden Roben und edlem Tuch bewegte Mann und Frau sich elegant über das Parkett. Melanie Haug moderierte einmal mehr durch den Abend. Für viele Männer sei der Tanz eine Daseinsform: Durch die Entfaltung der Geschmeidigkeit des Körpers könnten sie auf das Herz der Frauen kräftiger wirken als durch den Geist, zitierte sie einen französischen Philosophen. In ihren Worten bedeute das, dass es einfach eine wunderbare Bewegungsform sei, um sich näher zu sein. Ob Walzer, Rumba oder Jive – die Gruppe „Air Bubbles“ begleitete die Gäste musikalisch durch alle Sparten der Tanzkunst. Boogie-Woogie ist der Tanz aus den 50er-Jahren. Diese Kunst beherrschen die „Red Cadillacs“ (Bild) perfekt. Vier Paare der Gruppe bereicherten mit einer spritzigen Tanzeinlage den stimmungsvollen Abend. Die Allgäuer Landfrauen sorgten dafür, dass keiner hungrig oder durstig blieb.

Schwäbische Zeitung, Wangen, 28. Januar 2019

Mu­si­ker stim­men auf das neue Jahr ein – Stadtkapelle Wangen spielt Silvesterkonzert

Wangen – Das Silvesterkonzert im Festsaal der Waldorfschule hat eine lange Tradition. Daher ist es wichtig, immer wieder neue Akzente zu setzen. Der Stadtkapelle unter der Leitung von Tobias Zinser gelang das diesmal dadurch, dass ein ungewöhnliches Soloinstrument zum sinfonischen Blasorchester hinzutrat: Eine Violine, gespielt von Sandra Marttunen, der ersten Geigerin der Bamberger Sinfoniker, die in Kißlegg ihre Elternzeit verbringt. Die Moderation übernahm gekonnt und humorvoll Wolfgang Wanner.

Zunächst sorgte die Stadtkapelle mit der festlichen Ouvertüre von Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) für einen farbenprächtigen und lebendigen Einstieg in den Abend. Festliche Blechbläserfanfaren, wirbelnde Holzbläser, rasche Wechsel von Motiven und Stimmungen zeigten, dass das Stück von einem Feingeist ersonnen wurde, der mit dem aufgesetzten Pathos des stalinistischen Regimes nichts am Hut hatte.

Viel Fingerspitzengefühl, aber auch eindrucksvolle Töne

„Der Zauberlehrling“ von Paul Dukas (1865-1953) setzte Goethes Gedicht mit seinem unablässig vorandrängenden Hauptmotiv ungemein eindrucksvoll in Töne um. Das langsame Abgleiten ins Durcheinander und Chaos folgte einer feinen Dramaturgie, die die Stadtkapelle mit viel Fingerspitzengefühl und zugleich kompromisslos in ein gestochen scharfes Klangbild umsetzte.

In den „Zigeunerweisen“ von Pablo Sarasate (1858-1924) glänzte Sandra Marttunen mit ihrer Violine. Tiefer Gesang, dicht gewobene Töne, dunkel glühende Leidenschaft und dann technisch perfekte, grandiose Effekte, die einer ausgeklügelten Choreographie untergordnet blieben: es war Emotion pur, träumerisch, sehnsuchtsvoll, schwärmerisch und feurig.

Die sinfonischen Tänze aus der „West Side Story“ von Leonard Bernstein (1918-1990) waren ebenso emotional aufwühlend, aber durch ihre Direktheit. Kraftvoll, an der Oberfläche ungeschliffen, zuweilen musikalisch gewalttätig und brachial, brachten sie das Leben und die Erfahrungswelt der Straßengangs auf die musikalische Bühne.

Beiläufige Eleganz der Solistin begeistert

Nach der Pause versöhnt die Ouvertüre zum „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß (Sohn) (1825-1899) mit einem unbeschwerten, wienersich locker gespielten melodischen Festschmaus. Der „Czárdás“ von Vittorio Monti (1868-1922) ist ein geigerisches Paradestück – oft gespielt, oft totgespielt. Sandra Marttunen verlieh den langsamen Teilen einen bratschenhaften, erdigen Klang und legte in den schnellen Teilen eine bewundernswert beiläufige Eleganz an den Tag, die nur begeistern konnte.

Dass sich spielerischer und persönlicher Charme gegenseitig bedingen, zeigte Sandra Martunen im Gespräch mit Wolfgang Wanner und dass sie im Allgäu bleiben will, spricht für die Möglichkeiten, die unsere Region ausgezeichneten Musikern bietet.

Die Stadtkapelle stürzte sich dann in die „Yiddish Dances“ von Adam Gorb (geb. 1958) – anders kann man es nicht nennen. Die komplexe Durchdringung von Klezmermusik und sinfonsicher Blasmusik faszinierte durch ausgelassene Fröhlichkeit, orientalichen Einschlag, zündende Rhythmen und eine immer transparent bleibende Instrumentierung. „Riverdance“ von Bill Wehlan (geb.1950) beendete den offiziellen Teil mit irisch-keltischen Klängen. Auch hier ging es Schlag auf Schlag und die hypnotischen Tanzrhythmen gingen unter die Haut und in die Beine.

Als Zugabe gab es den „Trepak“ aus Tschaikowskys „Nussknacker-Suite“, tänzerisch, halsbrecherisch flott und überschäumend wie ein entkorkte Sektflasche, bevor der Radetzky-Marsch im Luftballonregen das Konzert zu einem bunten, knallenden Abschluss brachte.

Johannes Rahn, Schwäbische Zeitung, Wangen, 2. Januar 2019

Auch Trom­pe­ten kön­nen wie­hern – „German Brass“ auf Adventstournee in Wangen

Wangen – Adventszeit ist Blechbläserzeit und German Brass, die Bläserelite der deutschen Orchester, wird nicht müde, glänzende Barockschlager und internationale Weihnachtslieder brillant verpackt in schmissigen Arrangements darzubieten. Im Festsaal der Waldorfschule fanden die zehn Bläser und ihr Schlagwerker im Rahmen der Wangener Altstadtkonzerte ein begeistertes Publikum für ihr Programm „Christmas around The World“.

Seit 1985 gibt es das Ensemble, in dem Solisten der großen deutschen Orchester in der klassischen Besetzung von vier Trompeten, drei Posaunen, zwei Hörnern und einer Tuba musizieren und im zweiten Teil vom Schlagzeuger Herbert Wachter unterstützt werden. Die meisten haben zwei oder drei Instrumente verschiedener Tonart und Bauweise vor sich stehen, wechseln manchmal im Stück.

Zusammenspiel, Dynamik, Klangbalance passen zusammen, Perfektion und jahrelange Erfahrung übertragen sich auch auf die jüngeren Mitglieder wie den zweiten Hornisten François Bastian aus dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, der zumindest an diesem Abend an die Position des langjährigen Hornisten und Moderators Klaus Wallendorf getreten ist. Dieser bleibt mit seinen augenzwinkernden geschliffenen Texten präsent, in denen sich „wach“ auf „Bach“ reimt, russische oder spanische Sprachfloskeln zu Musik werden oder der vielleicht spezifische Humor der Blechbläser durchscheint.

Trompeter Werner Heckmann füllte an diesem Abend die kurzen Pausen, in denen die Kollegen ihre Lippenmuskulatur entspannen konnten, bevor sie sich wieder dem „gepflegten Tuten“ widmeten und sogar der eingeschaltete Werbeblock für den CD-Verkauf charmant übermittelt wurde.

Viele Stücke hat der erste Trompeter Matthias Höfs für German Brass arrangiert, selbst die Sologeige aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ vermisst man nicht, wenn er selbst das Instrument an die Lippen setzt und in weiten Melodiebögen über das Klang gewordene Eis der Begleitstimmen aus dem „Winter“ zieht. Weihnachtlichen Glanz verströmen die Musiker in den festlichen Koloraturen von Händels „Feuerwerksmusik“ und Bachs Weihnachtsoratorium.

Eine musikalische Weltreise

Ein Muss im Programm von German Brass ist die berühmte d-Moll-Toccata von Bach, wenn Tuba und Bassposaune die Liegetöne platzieren und die Oberstimmen sich in gestochen scharfen Läufen und Echowirkungen ergehen. Bei Tschaikowsky erlebt man, wie eine Trompete wiehern kann, ein spanischer Dreiertakt durchaus nach bayerischer Volksmusik klingt und arabische Flötenschnörkel sich auch mit gestopfter Trompete authentisch anhören.

Im zweiten Teil schließlich überraschen die Musiker immer wieder mit ihrer musikalischen Weltreise durch deutsche, südamerikanische oder französische Lieder, mit pulsierenden Rhythmen, Bigbandsound und schrägen Harmonien, in denen die Melodien mehr oder weniger versteckt durchklingen: Bei aller musikalischen Perfektion und virtuosem Anspruch kommt auch der Humor nicht zu kurz, nicht nur in der Zugabe.

Katharina von Glasenapp, Schwäbische Zeitung, Kultur,  4. Dezember 2018

Viel Ap­plaus für ein gro­ßes Spek­ta­kel – „Brassed Off“ in der Waldorfschule

Wangen – Mit der Tragikomödie „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“ ist die Kulturgemeinde Wangen am Freitagabend in die Theatersaison gestartet. Das Melchinger Theater Lindenhof kam mit großem, technisch aufwändigem Equipment, das in Gestalt einer Drehbühne im Festsaal der Freien Waldorfschule seinen Platz fand. Ein Mix aus live gespielter Blasmusik und darstellerisch hochemotionalen Szenen erwartete die Zuschauer. Beides zusammen verströmte passagenweise Musical-Atmosphäre.

In weißer, von Kohle verstaubter Bergmannskluft betritt das neunköpfige Ensemble zusammen mit den Lauchertmusikanten Melchingen den Bühnenraum. Aus dem Halbdunkel heraus leuchten ihre Helmlampen signalartig. An der Spitze der Grimley Colliery Band steht Danny (Bernhard Hurm). Dirigent und Bergarbeiter im Ruhestand, der seine Kumpels entgegen aller Wirrnisse antreibt – bis zum letzten, bis zum Beinah-Selbstmord seines Sohnes Phil (Gerd Plankenhorn). Denn für den alternden Danny, dessen Lungen die Kohle zerstört hat, zählt nur eins – die Musik.

„Kohlhaas“, „Emmas Glück“ oder „Der varreckte Hof“ sind nur einige Inszenierungen der vergangenen Jahre, die das Theater Lindenhof auf die Bühne gebracht hat. Sie alle fokussieren die existenzielle Bedrohung des Menschen mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Das gilt auch für das nach dem Film von Mark Herman in der Bühnenfassung von Paul Allen von Christoph Biermeier inszenierte „Brassed Off“ unter der musikalischen Leitung von Thomas Unruh.

Vordergründig geht es um die angespannte Lage in den britischen Bergbaustädten, die in der Mitte der 1990er-Jahre durch Stellenabbau bedroht sind. Genau in dieser Situation befinden sich die Kumpels von Grimley, deren Zeche vor der Schließung steht.

Das Theater Lindenhof gastierte mit „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“ im Festsaal der Freien Waldorfschule.  Foto: Babette Caesar

Träume von einem besseren Leben

Während Rita (Linda Schlepps) als die Tatkräftige bei jedem Streik mit dabei ist, debattieren Jim (Peter Höfermeyer) und Harry (Franz Xaver Ott) über die Abfindung von 20 000 Pfund – ja oder nein. Jims Frau Vera (Carola Schwelien) arbeitet im Supermarkt und hilft vor allem Phils verzweifelter Frau Sandra mit ihren beiden kleinen Kindern (Kathrin Kestler) mit Essbarem aus. So loten die ersten Szenen die verschiedenen Charaktere aus, deren Ambitionen und Träume von einem besseren Leben, die allesamt zerplatzen angesichts der übermächtigen wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten. Das Gefühl existentieller Bedrohung schaukelt sich langsam hoch. Manchmal glaubt man in überlangen Passagen den roten Faden zu verlieren, in welche Richtung sich das Stück bewegt. Vor allem der Anfang tut sich schwer, um in Schwung zu kommen. Doch sobald die erste schrill-krächzende Off-Durchsage den mit rund 100 Besuchern besetzten Saal erfüllt, beginnt das Melchinger Spiel, das Netz immer enger zu ziehen.

Mit allen Mitteln für die Gemeinschaft

So als dränge es nur tröpfchenweise ins Bewusstsein, treibt Danny die Kapelle wie ein Berserker an. Zu Märschen wie „Flow and Dance“ und „Flashlight Dixie“. Fluchend und wütend mit „Spielt für euch, verdammt noch mal!“. Das Blatt scheint sich tatsächlich zu wenden, wenn die junge Saxophonistin Gloria (Mona Weiblen) erscheint. Nur, dass sich der Hoffnungsschimmer schnell in sein Gegenteil verkehrt.

Im Verlauf kommt es zu herzerfrischenden Liebesszenen zwischen Gloria und dem aufrührerischen Trompeter Andy (Rahul Chakraborty), zwischen Vera und Jim, Rita und Harry. Nur Danny verliert sein Ziel, mit der Band in der Londoner Royal Albert Hall aufzutreten, nicht aus den Augen. Gegen alle Widerstände – auch den eigenen, die ihn zusammen brechen lassen. Unter Christoph Biermeiers Regie ist über zwei Stunden ein stark emotionales, stimmungsgeladenes Stück entstanden, das seine Darsteller bis an die Grenze des Existenzverlustes treibt. Das von der Aussichtslosigkeit des Einzelnen erzählt, wenn er aus dem System kippt, nicht mehr gebraucht wird – nicht mal als Clown.

Was einzig bleibt, ist der Zusammenhalt, mit dem sie oben auf der Drehbühne musikalisch brillieren. Zu viel Applaus und Bravorufen für dieses Spektakel.

Babette Caesar, Schwäbische Zeitung, Wangen, 12. November 2018

Mit Feu­er­ei­fer – Landesjugendorchester begeistert mit Ligeti und Mahler

Wangen – Mit knapp 100 Musikerinnen und Musikern ist das Landesjugendorchester Baden-Württemberg (LJO) auf seiner Herbsttournee, die es in den kommenden Tagen noch nach Tuttlingen, Göppingen, Waiblingen und Leonberg führen wird. Die Herbstferien haben die Jugendlichen genutzt, um mit ebenso leidenschaftlichen Dozenten ihrer Instrumentalgruppen und mit dem Dirigenten Johannes Klumpp die ausgesprochen anspruchsvollen Werke einzustudieren. Auf dem Programm stehen zwei Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts, „Atmosphères“ von György Ligeti und die fünfte Symphonie von Gustav Mahler, und man kann nur staunen, mit welcher Intensität sie diese umsetzen.

So wie Johannes Klumpp das Publikum mit wenigen Worten auf Ligeti einstimmt – „erwarten Sie nicht Melodien und Harmonien, sondern changierende Klänge, eine Weite mit einem Hauch Bedrohung“ – kann man sich vorstellen, wie er seinen jungen Menschen diese Klänge nahebringt. Stanley Kubrick hatte Ligetis „Atmosphères“ in seinem Film „2001: Odyssee im Weltraum“ eingesetzt – übrigens ohne den Komponisten zu fragen oder ihn im Abspann zu erwähnen! Mit seiner klaren Körpersprache lässt der Dirigent die Klänge aus der Stille emporsteigen und hält auch am Schluss die Spannung, dazwischen entfalten sich Klangflächen über der Basis der Kontrabässe, schrauben sich hoch in hohe Bläserregister und verlöschen schließlich im weiten Raum.

Hauptwerk dieser Herbstphase des LJO ist die fünfte Symphonie von Gustav Mahler. Auch hier öffnet Johannes Klumpp mit wenigen eindringlichen Sätzen die Ohren für den Komponisten, seine schwierige Kindheit im mährischen Heimatdorf, die Trauermärsche und Stimmungswechsel. Durch das berühmte Adagietto, den langsamen Satz, den Lucchino Visconti in seiner Verfilmung von „Tod in Venedig“ so sehnsuchtsvoll übermittelt hat, ist die Symphonie vielleicht eines der bekanntesten Werke Mahlers.

Beflügelnder Dirigent

Doch welche Abgründe sich darin immer wieder auftun, wie nah Totentanz und Ländler, böhmische Blasmusik und Herzklopfenwalzer einander sind, erlebt man bei diesen jungen Musikern und ihrem beflügelnden Dirigenten hautnah. Da gibt es süße Melodien, grundiert vom unerbittlich pochenden Trauermarsch, da stürzen sich die Bläser und Schlagwerker in wildes Getümmel, während die Streicher seufzen und verführen. Klumpp arbeitet die klingenden Wechselbäder großartig heraus, führt die zahlreichen Solostimmen (Hut ab vor den nervenstarken Burschen am 1. Horn und an der 1. Trompete!) und den großen Orchesterapparat mit Fantasie und Feuer. Das Adagietto gestaltet er in einem fließend emphatischen Aufschwung schwebender Streicherklänge, bevor sich das ganze Orchester im fröhlichen Treiben des Finales zusammenfindet.

Die jungen Musiker zwischen 12 und 20 Jahren werfen sich mit Feuereifer in ihre anspruchsvollen Aufgaben, im hohen Tempo bleiben sogar die kontrapunktisch geführten Themen transparent. Die Blechbläser vereinen sich zum alles überhöhenden Choral, leichtfüßig wie ein Tänzer kitzelt Johannes Klumpp die letzten Reserven heraus. Die Begeisterung wird in den kommenden Tagen ebenso überspringen wie in der Wangener Waldorfschule.

Katharina von Glasenapp, Lindauer Zeitung, Kultur, 6. November 2018

Peerspektiven

Zum Oberstufenprojekt 2017, „Peer Gynt“ (von Jens Christian Deeg)

Die Bühne ist ein dunkler Ort, an dem drei Jugendliche eine Glasscherbe finden können, und an dem ein bisschen Licht reicht, um in ihr einen Diamanten zu erkennen. So erleben es die drei Peer Gynts (Susan Brauchle, Benedikt Brögmann und Josef Obermeier), die in der Inszenierung von Andreas Bußmann und den SchülerInnen der Oberstufe aus dem Ibsen-Klassiker ein modernes Welttheater machen. Eineinhalb Stunden lang tragen sie die Zuschauer, gemeinsam mit Chor und Orchester, durch einen Gedankenstrom aus Orten, Gefühlen, Szenen, die erst am Ende soetwas wie ein Leben ergeben. Ihre Inszenierung erzählt von der Suche nach Identität. Sie dreht und wendet die Frage: Kann man ein Ganzes sein, ein ganzes Leben lang?

PeerGynt_04Ein Leben, das eine ganze Welt ist

Dass Peer hier vom ersten Moment an nicht einer ist, sondern drei auf einmal, das zeigt, wie unmöglich diese Idee ist – zumindest in der unübersichtlichen, prallen Welt ist, von der das Stück erzählt. Man trifft in ihr die Beatniks der 50er-Jahre neben einer Horde von trolligen Fabelwesen, die Sklaven der frühen USA kontrastieren die Schürzen-Folklore deutscher Heimatfilme und ein Talkshow-Moderator stürzt einen der Peers schließlich genauso aus dessen Selbstherrlichkeit wie ein Teufel im Missionarskostüm. Hervorzuheben ist hier nicht zuletzt die aufwändige Ausstattung der Figuren (Kostüme und Maske: Julia Egger, Lara und Lioba Buchholz, Helena Amberger, Amelie Preuß, Elea Egger, Charlotte und Pauline Tscholl).
Während diesem wilden Ritt durch die Geschichte des Westens machen die drei Peers am eigenen Leibe durch, was unsere Geschichtsbücher im Innersten zusammenhält: Kolonialisierung, Menschenversuche, Gender-Trouble, schizoide Episoden – die Welt kann ein ziemliches Jammertal sein. Erlebbar wird dies für die Zuschauer auch durch die Klarheit des Bühnenbildes (Requisite: Gert Heintz, Beate Diefenbach, Wolfgang Klosa, Familie Felsch; Licht: Pit Hartmann), vor dem das Ensemble glänzen kann. Mal reicht da nur ein Fingerzeig, mal ein Wechsel im Tonfall, um die Komik und die Tragik der Welt zu erzählen. In diesen feinen Pointen wird auch der große Einsatz der SchülerInnen deutlich, die am Stück mitschrieben und sich ihre Rollen oft in freien Improvisationen selbst erarbeitet haben.

PeerGynt_01Für immer jung

Peer Gynt verkörpert in ihrer Inszenierung also nicht nur seine Geschichte. Sein Leben erzählt auch von den vielen anderen, die immer wieder neugierig in die Welt geboren werden und dort ihren Weg, ihr Glück suchen. Indem er sich weigert, nur einer zu sein, eindeutig zu sein, wehrt er alle Autoritäten ab, die ihm ein Ziel vorgeben wollen. Der Preis, den er für diese Freiheit bezahlen muss, ist jedoch hoch: Peer Gynt bleibt sich und allen anderen ein Rätsel. Ein Leben lang. Keine Beziehung kann er halten, keine Aufgabe erfüllt ihn, keine Idee bindet ihn.
Peer wird damit zum ewig Pubertierenden, zum sehnsüchtigen Grenzgänger mit dem tiefen Wunsch, endlich mal wer zu sein. Welche Rolle sich ihm auf seinem Weg anbietet, er probiert sie an – und ist daher auch im einen Moment Sklavenhändler, im nächsten Sklave. Spürbar wird diese Haltlosigkeit etwa in der furiosen Performance von Benedikt Brögmann, dessen Peer im Mittelteil des Stückes zunächst die Sicherheit eines Alleinunterhalters ausstrahlt – nur um ein paar Überheblichkeiten später scheinbar jede Kontrolle über Kopf, Körper und Stimme zu verlieren. Dann steht er alleine da. Dann rappelt er sich wieder auf. Auf zur nächsten Hoffnung, auf zur nächsten Enttäuschung.

PeerGynt_02Ich sehe was, was Du nicht siehst

Sein Suchen wird ihm schließlich zur Sucht. Und wer ihm das Beste wünscht, der muss auch das Unheil hinnehmen, in das er seine Mitmenschen reißt. Ob im sehnenden Sologesang von Lorna Monaghan, ob in der kraftloser werdenden Körperhaltung Lilly Martins, ob im haltlosen Hetzen, das Adrian Seehofer durch die Welt treibt – scheinbar überall auf der Bühne sieht man, was Peer nicht sehen kann: die Folgen seiner Handlungen. Das ist aber auch unsere Tragik, die Tragik des Publikums. Wir erkennen das Problem nur, weil wir nicht drinstecken.

Etwas Halt und Hoffnung gibt uns dabei die Musik. Sie verbindet die Fragmente der Szenen zu einem Ganzen, gibt dem Erzählstrom eine Richtung. Jörg Them und Günter Hauptkorn haben dafür einige Songs des jungen Bob Dylan für Chor und Orchester umgearbeitet. Die klingen nun ungewohnt harmonisch, sanft, freundlich. Und hört man eine Zeile wie „Your sons and daughters are beyond your command“ in dieser Interpretation, dann spricht mit Dylan auch der Übervater einer früheren Jugend zu uns: Wir haben uns damals nicht kontrollieren lassen – warum sollte das heute anders sein? Oder irgendwann?

PeerGynt_05Wie Andreas Bußmann zusammen mit einem befreit aufspielenden Ensemble aus all diesen Assoziationen einen aberwitzig großen Gedanken formt, das ist gleichsam verwirrend und inspirierend. Gemeinsam haben sie ein Stück geschaffen, das seine Zuschauer 90 Minuten lang den Wunsch spüren lässt, endlich eine Lösung, endlich ein Happy End zu bekommen – obwohl man in jeder Minute bemerken kann, dass es darum nicht gehen soll. Nicht heute abend. Denn das Leben dieser Peer Gynts ist wie eine Neugierde: Es müsste enden, wenn es sich erfüllte.

Ihre Bühne ist ein dunkler Ort, an dem drei Jugendliche eine Glasscherbe finden können, und an dem ein bisschen Licht reicht, um in ihr einen Diamanten zu erkennen. Ein Spielverderber, wer ihnen das ausreden will.


„Unser Galakonzert ist mit großem Erfolg über die Bühne gegangen – herzlichen Glückwunsch allen Beteiligten und ein großes Dankeschön an Sie alle! Egal an welcher Position, in welcher Funktion: ein solch umfangreiches Projekt kann nur gelingen, wenn alle und alles vor und hinter der Bühne reibungslos ineinander greift“. (Dr. Hans Wagner, Jugendmusikschule Württembergisches Allgäu)